Nachhaltiger Tourismus stärkt Frauen in Nicaragua

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Seit April dieses Jahres befindet sich Nicaragua in einem ständigen Ausnahmezustand. Dennoch hat COMMUND beschlossen, seine Koordination und Zusammenarbeit vor Ort fortzusetzen. Es ist wichtig, weiterhin mit der Bevölkerung zusammenzuarbeiten, die von den Auswirkungen der institutionellen, politischen und wirtschaftlichen Krise im Land betroffen ist. So ist Marbely Gonzales zu einer nationalen Mitarbeiterin geworden. Die Vorsitzende einer lokalen Tourismuskooperative in Nicaragua ist seit Anfang September 2018 für COMUNDO als lokale Fachperson in Somoto tätig. Dabei unterstützt sie Frauen und Jugendlichen, sich im Tourismus eine Einkommensquelle zu schaffen.

Als Marbely Salvadora Gonzáles vor gut acht Jahren die Stelle bei der Genossenschaftsvereinigung UCANS (Union de Cooperativas Agropecuarias del norte de las Segovias) in Somoto im Norden Nicaraguas antrat, war sie als einzige Frau in einem technischen Bereich tätig. Tatsächlich ist dies für eine junge Frau und zweifache Mutter aus der Kleinstadt Somoto eine ungewöhnliche Entwicklung. «Bei der UCANS war ich für die Genderarbeit zuständig; ich sollte die Frauen der Landarbeiter und Bauern stärken.»

Konkret hiess das etwa, eine Bauersfrau darin zu unterstützen, eigene Entscheide zu treffen. «Es gibt Frauen, die ohne Zustimmung ihrer Männer nicht einmal ein Ei verkaufen, andere sind als alleinerziehende Mütter auf die Unterstützung der Familie angewiesen», erzählt Marbely. Vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, die von Machismo und Gewalt gegen Frauen geprägt ist, verwundert es wenig, dass Frauen und Mädchen der einkommensschwachen Regionen zu den verwundbarsten Mitgliedern der Gemeinschaft gehören. Nicaragua weist eine der weltweit höchsten Raten an Teenagerschwangerschaften auf.

Eine Kooperative stösst den Wandel an
«Die COTUCPROMA (Cooperativa de Turismo Comunitario Protectores del Medio Ambiente) hat zum Ziel, Frauen und Jugendliche zu stärken», sagt Marbely. Die Kooperative wurde gegründet, um im ländlich geprägten Somoto eine alternative Einkommensquelle zu bieten. Die Auswirkungen des Klimawandels beeinträchtigen die Erträge aus der Landwirtschaft massiv und die Menschen müssen sich den klimatischen Gegebenheiten anpassen, um überleben zu können.

Anfangs war der Canyon de Somoto die einzige international bekannte Touristenattraktion, die Geld abwarf. Profitiert haben davon hauptsächlich die Familien, deren Land an den Canyon grenzt. Heute ist die COTUCPROMA in fünf Gemeinden tätig und bietet acht verschiedene Tourismus-Pakete an. «Das Angebot beinhaltet professionell geführte Touren, Gastronomie, Unterkunft und lokales Kunsthandwerk», erzählt Marbely. Die Mitglieder der Kooperative besuchen Kurse, um die Qualität ihrer Produkte und Dienstleistungen zu verbessern. Mit dieser Arbeit garantiert COTUCPROMA die Einhaltung von einheitlichen Qualitätsstandards, Hygienevorschriften und Verhaltensregeln.

Die Zuteilung der Touristen und Touristinnen wird mit einem Rotationsprinzip geregelt. «Damit haben wir ein neues Ethikmodell eingeführt», sagt Marbely, «heute profitieren alle Familien vom Tourismus». Die COTUCPROMA ist in den Gemeinden San José de Cusmapa, Totogalpa, San Lucas, Las Sabanas und Somoto tätig und zählt aktuell rund 56 Mitglieder. «Es sind meistens Frauen, die sich engagieren und zu den Sitzungen kommen. Für uns als Organisation ist es einfacher, mit Frauen zu arbeiten, sie sind zuverlässiger. Die COTUCPROMA generiert aber nicht nur Einkommen, sie stösst auch einen Mentalitätswechsel an.»

Marbely erklärt, wie die Kooperative in jeder Gemeinde gemeinsam mit der lokalen Bevölkerung Attraktionen für Touristen identifiziert und evaluiert hat. «Die Menschen haben angefangen, ihre Umgebung mit anderen Augen zu sehen und Dinge wertzuschätzen, die sie vorher nicht beachtet haben.» In einem zweiten Schritt haben die ansässigen Familien Angebote für Touristen erarbeitet und die acht aktuellen Tourismus-Pakete zusammengestellt. Das neu erworbene Wissen werde auch im privaten Bereich umgesetzt: So pflegten viele Familien ihre Gärten und Häuser besser, weil sie den folkloristischen Traditionen neuen Wert zumessen würden. Durch die Kurse bei COTUCPROMA könnten sich die Frauen untereinander vernetzen. Sie gewännen Selbstvertrauen und ein zusätzliches Einkommen. Die Jungen erhielten Arbeit und Entwicklungsmöglichkeiten im Kunsthandwerk oder im Tourismus.

UNESCO Geopark ermöglicht neue Perspektiven
Für das Jahr 2018 steht die Zertifizierung der Region als Geopark der UNESCO aus. Die UNESCO zertifiziert Regionen mit klar definierten Grenzen, in denen die wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung durch den Tourismus ermöglicht und gefördert wird. Die COTUCPROMA spielt auch da eine zentrale Rolle, weil sie Menschen vernetzt und das Bewusstsein für die kulturellen und geologischen Ressourcen in der Region fördert. Daraus entstehen Initiativen und Möglichkeiten für die wirtschaftliche Entwicklung. Die Zugehörigkeit zum globalen Geopark-Netzwerk der UNESCO wäre ein weiterer Schritt in Richtung nachhaltiger Entwicklung der Region und des Schutzes der lokalen geologischen, natürlichen und kulturellen Ressourcen.

Internationaler Austausch als Funke
Und wie hat das alles angefangen? Marbely überlegt. Am Anfang sei sicher der Austausch mit Mirko Picchierri, der als Fachperson von COMUNDO einen dreijährigen Einsatz bei der UCANS geleistet habe, sehr wichtig gewesen. Nach der Dürre im Jahr 2014 habe er gemeinsam mit der UCANS eine regionale Meta-Analyse durchgeführt. Daher die Idee von COTUCPROMA, die den Vorsitz der neu gegründeten Genossenschaft übernehmen konnte.

An Ideen für die Weiterentwicklung der Genossenschaft mangelt es nicht: So ist beispielsweise die Entwicklung des religiösen Tourismus denkbar. Zwei Gemeinschaften würden historische und heilige Kapellen haben. Es besteht auch die Möglichkeit, die Straße südwestlich nach Chinandega zu verlängern. Damit hätten Touristen, die die Vulkane der Maribios-Bergkette in der Nähe des Pazifiks besuchen, direkten und einfachen Zugang zu den Attraktionen des Nordens, erklärt Marbely González.

An Ideen zur Weiterentwicklung der Kooperative fehlt es nicht: Denkbar sei etwa der Aufbau des religiösen Tourismus. Zwei Gemeinden hätten geschichtsträchtige Kapellen und Heilige. Ebenfalls im Raum steht die Möglichkeit, die Strasse Richtung Südwesten nach Chinandega auszubauen. Damit erhielten die Touristen, welche in der Gegend nahe des Pazifischen Ozeans die Vulkane der Maribios-Bergkette besuchten, einen direkten und einfachen Zugang zu den Attraktionen im Norden, erklärt Marbely González.

Text: Corinne von Muralt, ehemalige Fachperson von COMUNDO in Nicaragua (im Einsatz bis Januar 2017)