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07.12.2023 | Kenia, Bildung

Der Balance-Akt zwischen Theorie und Praxis

“Good morning Simon, how are you?” und die Hand wird geschüttelt und gehalten, so dass man denkt, sie würde nie wieder losgelassen. Besonders zwischen Männern kommt die Begrüssung einem kleinen Kräftemessen gleich. Abwechselnd umfasst man die Hand am Daumen, wie beim Armdrücken und dann wieder “normal”. Hoch – und runter, mindestens eine gefühlte Ewigkeit. So herzlich begrüsst, startet man doch gleich viel beschwingter in den gemeinsamen Schul(all-)tag.

Wieso ein Einsatz in Kenia?

Vor gut 10 Jahren fragte ich mich beim Abschluss meiner Matura, was ich in meinem Leben erreichen will. Welchen Weg, welchen Lebensinhalt sollte ich wählen? Bis dahin war mein Lebensweg gezeichnet von einer schwierigen und einsamen Jugendzeit / obligatorischen Schulzeit und der abrupten Wende zum Guten, als ich in der reformierten Kirche ein neues Zuhause fand. Dieses Zuhause rettete mich aus meiner persönlichen Lebenskrise und inspirierte eine tiefe Dankbarkeit für alle positiven Aspekte in meinem Leben. Während meiner gymnasialen Ausbildung lernte ich kritisch zu hinterfragen und begriff wie privilegiert ich ganz unverdient durch meine Geburt in der reichen Schweiz bin. Die genannte Dankbarkeit und das Bewusstsein um meine privilegierte Position sind bis heute mein Kompass, nach welchem ich meine Entscheidungen ausrichte. Es geht mir darum, mein Leben dafür einzusetzen, der Welt etwas zurückzugeben. Dieses Lebensziel bestimmt meinen bisherigen und auch meinen zukünftigen Lebensweg. Bis heute begreife ich mich noch längst nicht als angekommen, sondern freue mich über diesen weiteren Schritt in die richtige Richtung.

Ankunft im neuen Leben

Wann ist man eigentlich in einem neuen Land, in einem neuen Leben angekommen? Bereits beim Aussteigen aus dem Flugzeug und dem ersten Atemzug auf fremdem Boden? Oder doch erst, wenn man beim Einkaufen den Preis für die schwere 20L Flasche Trinkwasser auswendig weiss? Für mich sind es die kleinen Dinge, die mir hier in Nairobi – Kenia ein Gefühl von Heimat vermitteln. Es ist die mittlerweile vertraute Schönheit des violett blühenden Jacaranda Baums an der Strassenkreuzung. Das Wiedererkennen des Früchteverkäufers mit seinem Stand an der immer gleichen Ecke im Quartier. Täglich vor dem eisernen Tor am Eingang zu stehen und: «Hodi!» zu rufen, und gleich darauf vom Torwächter auf Suaheli mit: «Habari gani?» begrüsst zu werden. Die lockeren Gespräche mit den anderen Lehrpersonen in der Pause bei einem Mandazi (Gebäck) mit süssem Schwarztee mit Milch. Aber auch die Schulkantine an meinem Arbeitsort, die jeden Freitag mein lokales Lieblingsgericht «Pilaw» serviert. Diese kleinen Dinge erschaffen eine vertraute Routine, die mir das Gefühl von wirklicher Ankunft in meinem Leben hier in Nairobi bietet.

Kontext und die Herausforderung vor Ort

Weiterbildung zum Thema Kompetenzenorientierung mit Lehrpersonen

Die meisten Schulen in Kenia stehen vor grossen Herausforderungen: Der Mangel an Lehrkräften, überfüllte Klassenzimmer, fehlendes Unterrichtsmaterial, etc. erschweren den Zugang zu Bildung. Dabei sind Kinder aus städtischen Slums, ländlichen Gebieten, sowie Kinder mit Beeinträchtigungen besonders stark benachteiligt. Mein Einsatzort, die «Gentiana Primary-school», situiert im Kawangware Slum – Nairobi, versucht hier einen Unterschied zu machen. Besonders die Kinder aus den ärmsten Familien, sowie Waisen und Lernbeeinträchtigte oder auch Kinder von alleinerziehenden Müttern werden in die Schule aufgenommen. Gentiana befähigt sie mit Bildung und mit vielfältigen Formen der Unterstützung, den Teufelskreis von Armut und Chancenlosigkeit zu durchbrechen.

Projekt und Ziel

Hinzukommend hat das kenianische Bildungsministerium 2017/18 einen neuen Lehrplan eingeführt, welcher einen Paradigmenwechsel vorsieht. Die Schulbildung der Kinder soll sich weniger am theoretischen Wissen orientieren, sondern die Fähigkeiten & Fertigkeiten in den Mittelpunkt stellen (Kompetenzorientierung). Ganz klar sind meine hiesigen Berufskollegen die Experten ihrer schulischen Umstände. Sie unterrichten mit Qualität und viel Hingabe mit denjenigen Methoden und Strategien, die ihnen vertraut und die in ihrer Situation dienlich sind. Aber wie dieser neuartige Unterricht gemäss dem aktuellen Lehrplan genau aussehen soll, ist vielen Lehrpersonen aufgrund mangelnder Weiterbildungsmöglichkeiten noch unklar. Genau an diesem Punkt setzt der interkulturelle Austausch zwischen uns Lehrpersonen an. Das Hauptziel meines Einsatzes ist die Stärkung des Schulteams und besonders der Lehrpersonen, so dass sie kompetenzorientierten Unterricht auf einem hohen Niveau bieten können. In der Schweiz gehören das Ausrichten des Lerninhaltes am aktuellen Lernstand der SchülerInnen und Schüler, sowie das mit jeder Altersstufe zunehmend geforderte selbständige Denken und Handeln zum Grundverständnis aller pädagogischen Berufe. Das Erste verschafft dem Lerninhalt Anschlussfähigkeit an die Lebenswelt der Kinder, so dass sie das Gelernte einordnen, verarbeiten und sich merken können. Das Zweite bildet die Grundlage für selbstverantwortliches Handeln und aktives Wahrnehmen der eigenen Rechte und Pflichten später im Leben.

Einblick in deinen Arbeitsalltag

Mein Arbeitsalltag beginnt jeweils mit meiner Ankunft um 07:30 Uhr in der Schule. Zu dieser Zeit sind die Lehrpersonen bereits beinahe eine Stunde anwesend und betreuen die Kinder in den Klassenzimmern. Kurz darauf findet jeweils montags, mittwochs und freitags die morgendliche Versammlung der gesamten Schule statt. Auf dem Pausenhof stehen alle Schülerinnen und Schüler in wohlgeordneten Linien und singen die Nationalhymne, die kenianische Flagge wird gehisst, eine Bibelstelle wird gelesen, es wird gebetet und einige Lehrpersonen geben Informationen. Danach beginnt der eigentliche Unterricht und die Kinder stürmen zu den Klassenzimmern. Im Verlauf des Morgens treffe ich mich mit denjenigen Lehrpersonen, welche an diesem Tag eine freie Lektion haben im Lehrerzimmer zum gemeinsamen Vorbereiten einer Unterrichtssequenz. Mit anderen Lehrpersonen stehe ich gemeinsam vor die Klasse und führe mit ihnen durch, was wir am Vortag gemeinsam vorbereitet haben. Während dieser Vorbereitungszeit beschreiben mir die Lehrpersonen, was der geplante Inhalt und was ihr übliches Vorgehen für eine gewisse Lektion ist.

Meine Aufgabe ist es ihnen gut zuzuhören, nachzufragen und ihnen daraufhin einige Vorschläge zu machen, wie ich die Situation in der Schweiz angehen würde. Daraus ergibt sich ein Gespräch, in welchem wir die Vor- und Nachteile verschiedener Methoden abwägen.Schliesslich entscheidet die Lehrperson, welchen Vorschlag ihr gewinnbringend erscheint, den sie ausprobieren möchte.

Am Mittagessen wir Lehrpersonen oft gemeinsam draussen mit den Kindern, was die Schulkantine bietet. Meistens sind das Ugali (Kartoffelstock aus Mais) mit gedämpftem Kohl an einer grünen Linsensauce. Hierbei wird man immer wieder fröhlich dazu aufgefordert doch mehr zu essen, denn nur Ugali versorgt einen Menschen mit der nötigen Kraft für den Tag – so der Volksmund. Wenn ich zwischendurch ein wenig freie Zeit habe, widme ich mich der Vorbereitung von kleinen punktuellen Weiterbildungen. Diese vereinzelten Teamsitzungen am späten Nachmittag sind für mich besonders wertvoll, um mit dem gesamten Team auf tiefgreifende Konzepte wie zum Beispiel den Konstruktivismus eingehen zu können.

Kick-Off Meeting mit Miriam, Leonidah und Simon (von links)
Gruppendiskussionen zum Unterrichten mit digitalen Medien

Lehrer aus Leidenschaft

Eine Begegnung der besonders herzlichen Art hatte ich mit Dennis Juma, einem erfahrenen Primarlehrer, der um die vierzig Jahre alt ist. Am Rande des allwöchentlichen Fussballspiels mit den Schülern sind wir miteinander über unsere Lebenswege und Berufswege ins Gespräch gekommen. Er erzählte mir, dass er wie ich aus seiner Hingabe zu den Kindern zum Lehrberuf gekommen sei. Ursprünglich habe er als Bibliothekar an der Schule für Waisenkinder gearbeitet, in welcher er selbst aufgewachsen sei. Doch als der Lehrermangel akut war und sie niemanden hatten, begann er ganz ohne Ausbildung im Unterricht auszuhelfen und auch eigene Lektionen zu halten. Dadurch sammelte er viel praktische Berufserfahrung und als sich schliesslich die Chance auf einen Studienplatz am Teacher Training College eröffnete, ergriff er sie. Dies wäre jedoch für ihn niemals möglich gewesen, ohne seine Frau, die ihn in dieser Zeit finanziell unterstützte und zugleich für das Kind sorgte. Nun hat er dank seiner Ausbildung eine gute Stelle und kann so wiederum seine Familie versorgen.

Spagat zwischen herkömmlichen und modernen Anforderungen

Meine besondere Hochachtung ruft der Balanceakt hervor, welchen die hiesigen Lehrpersonen täglich vollbringen. Einerseits verlangt der neue Lehrplan die aktive Förderung der praktischen Fähigkeiten und Fertigkeiten der Schülerinnen und Schüler. Andererseits verlangen die allesentscheidenden Prüfungen am Ende jedes Trimesters von den Schülerinnen und Schülern keinerlei praktisches Wissen, sondern vorrangig, dass sie die Dinge theoretisch definieren, erklären und darlegen können. Zusätzlich existiert eine nationale Rangliste, welche nicht nur die Schulen, sondern auch die Lehrpersonen und Kinder gemäss der Schülerleistung in diesen Prüfungen bewertet. So stehen die Schulen unter Druck, einen guten Durchschnitt vorzeigen zu können, weil das in diesem System die Messlatte für die Qualität einer Schule ist. Diesen Druck spüren die Lehrpersonen, da sie direkt für die Leistungen ihrer Schüler verantwortlich gemacht werden und am Ende jedes Trimesters vor versammeltem Kollegium Lob oder Schande zugesprochen erhalten gemäss den Resultaten. Und schliesslich verspüren auch die Schüler diesen Druck, da die Gesellschaft beinahe ausschliesslich auf diese Resultate schaut, zur Bestimmung des individuellen wirtschaftlichen Werts einer Person. Es tun sich Karrierechancen auf oder zu, je nach Prüfungsleistung. 

Tischinseln im Kindergarten befähigen zum Mitentscheiden

Wie sich die Lehrpersonen täglich anstrengen einen Mittelweg zwischen praktischem Unterricht und genügend Vorbereitung auf die rein theoretischen Prüfungen zu finden, ist hochachtungswürdig.

Was noch bis zum Einsatzende?

Bis zum Ende meines Einsatzes versuche ich alles so vorzubereiten, dass die Lehrpersonen auch in meiner Abwesenheit weiter am Ball bleiben können. Dafür arbeite ich eng mit der Schulleitung und Administration zusammen. Sie begleiten die Lehrpersonen weiter im Prozess des gegenseitigen Lernens, wobei geplant ist, dass die Lehrpersonen sich im Unterricht besuchen gehen und einander Rückmeldungen geben werden.

 

Ausserdem gilt es, beim Abschluss eines solchen Projektes geeignete Gefässe für Evaluation und Rückmeldungen zu schaffen. Bereits ausgewertet haben wir als Kollegium in der Gruppe und was ich weiter noch vorbereite, sind Einzelgespräche und ein anonymer Fragebogen. Diese Rückmeldungen werden einerseits mir helfen, mich persönlich weiterzuentwickeln, aber andererseits auch der Schule und Comundo, um einzuschätzen wie ein zukünftiger Austausch noch fruchtbarer werden könnte.

Von Simon Brechbühl | 7. Dezember 2023 | Kenia

 

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Simon Brechbühl

Primarlehrer

In der Zusammenarbeit mit Comundo haben einige kenianische Schulen Interesse an einem interkulturellen Austausch bekundet. Als Primarlehrer hat Simon Brechbühl mit einem Kurzeinsatz die Möglichkeit, sein technisches Know-how der «Gentiana primary school» zur Verfügung zu stellen. Er unterstützt die Lehrpersonen darin, ihren Unterricht am Aufbau der Kompetenzen zu orientieren.