«Trotz Abkommen kein Frieden in Kolumbien»

Die Menschenrechtslage in Kolumbien hat sich massiv verschlechtert. COMUNDO-Landeskoordinatorin Mirjam Kalt berichtet, wie sich Unsicherheit und Gewalt auf die Bevölkerung und die Entwicklungszusammenarbeit auswirken.

COMUNDO: Mirjam Kalt, wie nimmst du die Situation in Kolumbien derzeit wahr?
Mirjam Kalt: Leider hat sich die Situation in Kolumbien seit der neuen Regierung unter Iván Duque wieder verschlechtert. Das Friedensabkommen zwischen Regierung und FARC vom November 2016 wird nur sehr langsam und ungenügend umgesetzt. Menschenrechte werden systematisch verletzt. In den verschiedenen Regionen, in denen wir arbeiten, haben Unsicherheit und Gewalt wieder zugenommen. Menschenrechtsverteidiger/innen und Ex-Guerilleros der FARC werden ermordet.

Was bedeutet die Situation für die Menschen vor Ort?
Unsere Partnerorganisationen beschweren sich über die steigenden Bedrohungen der Menschen, die sich für die Rechte ihrer Gemeinschaften, beispielsweise für ihren Landbesitz einsetzen. Sie beklagen sich auch über die mangelnde Dialogbereitschaft der Regierung, welche frühere Abmachungen nicht anerkennt, geschweige denn erfüllt.

Die Folgen im Alltag sind bedrückend. Die unsichtbaren Grenzen der bewaffneten Gruppen in den Stadtvierteln sind wieder Alltag. Marktfrauen können ihre Ware nur an bestimmten Orten verkaufen, eine junge Frau bringt sich in akute Gefahr, wenn sie sich in einen Mann verliebt, der nicht zur Bande des eigenen Viertels gehört.

Was können die Menschen tun, um einigermassen sicher zu leben?
Das ist schwierig. Früher wusste man, mit welchen Gruppierungen man es zu tun hatte und welche Regeln galten. Heute entstehen neue bewaffnete Gruppen mit unklaren Interessenslagen, welche noch skrupelloser gegen die Zivilbevölkerung vorgehen. Diese Situation zerstört die realen sozialen Netzwerke. Die Menschen wissen nicht mehr, mit wem sie in Kontakt treten dürfen und auf wen sie sich verlassen können.

Wie gehen die COMUNDO-Fachpersonen damit um?
Gewaltprävention steht ja bei vielen unserer Fachpersoneneinsätze im Zentrum, ebenfalls Versöhnungsprozesse zwischen Gemeinschaften. Insofern ist nun ihre Arbeit wichtiger denn je. Unsere drei Fachpersonen in Quibdó, Tumaco und Cali beispielsweise arbeiten mit Jugendlichen und vermitteln ihnen konkret andere Zukunftsvisionen zu jener fast unausweichlichen Bedrohung, den bewaffneten Gruppen beizutreten, im Drogenhandel mitzumischen und selbst an der Gewaltspirale zu drehen. Die Fachpersonen nehmen als ausländische Personen auch eine wichtige, neutrale Position inmitten der Konflikte ein, indem sie von allen Seiten respektiert werden und so zwischen den Fronten vermitteln und sich für den Zusammenhalt der Gemeinschaft einsetzen können.


Einsatz Ulrike Purrer in Tumaco, Kolumbien. © COMUNDO

Andere Fachpersonen, etwas Julia Schmidt, engagieren sich zusammen mit ihren Partnerorganisationen für die Menschenrechte der indigenen, Afro- und Bauerngemeinschaften. Diese brauchen Unterstützung von aussen, damit sie ihre Handlungsmöglichkeiten kennen lernen und auch auf juristischer Ebene begleitet sind. Oft handeln die Regierung und auch Unternehmen entgegengesetzt zu dem, was ländliche Gemeinschaften brauchen oder was ihnen zusteht.

Dieses verübte Unrecht muss in der Öffentlichkeit sichtbar gemacht und angeklagt werden. Vor diesem Hintergrund hat Julia Schmidt das Multimedia-Projekt «Memorias de Tierra – Das Schicksal von El Hatillo» entwickelt. Die Ausstellung informiert über das Schicksal der Gemeinde El Hatillo, die dem Bergbau zum Opfer fällt und ist anfang September in Luzern und Bern zu sehen.


Einsatz Alicia Tellez in Aguablanca, Kolumbien. © COMUNDO

Fühlt man sich nicht machtlos angesichts der grossen negativen Kräfte?
Die aktuelle Situation in Kolumbien übersteigt oft die Kapazität der Basisorganisationen und NGOs. Daher ist eine internationale Unterstützung sehr wichtig. Nur durch internationalen Druck ändert sich auf politischer Ebene etwas, denn im Moment zeigt die Regierung keinen Willen, das Friedensabkommen umzusetzen.

Der internationalen Gemeinschaft muss aufgezeigt werden, dass trotz Friedensabkommen in Kolumbien kein Frieden herrscht. In einer internationalen Kampagne rufen verschiedene NGOs und zivilgesellschaftliche Organisationen gemeinsam zur Solidarität mit den Menschen in Kolumbien auf.

Wie soll dies erreicht werden?
Wir nutzen die sozialen Medien, indem wir regelmässig Botschaften zur kolumbianischen Realität verbreiten. Wir suchen auch Menschen anderer Länder und Kontinente, welche ihre Solidarität mit den Menschen in Kolumbien ausdrücken. Auch ist eine Foto-Ausstellung geplant, welche den Menschen die schwierige Situation in Kolumbien vor Augen führt. Dies ist nötig, damit dieses Land den Weg zum Frieden endlich findet.


Mit Ihrer Spenden ermöglichen Sie unsere Friedensarbeit in Kolumbien. Vielen Dank für Ihr Mittragen dieser wichtigen Einsätze!

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