«Am Anfang braucht es Geduld und Gelassenheit»

Zehn Jahre lang koordinierte Jutta Wermelt in Kenia die Projekte für COMUNDO, nun ist sie in ihre deutsche Heimat zurückgekehrt. Im Gespräch erzählt sie über ihre Arbeit in Nairobi, wie sie die Wirksamkeit von Personaleinsätzen einschätzt, und was sie angehenden Fachpersonen mit auf den Weg gibt.

Jutta Wermelt Koordinatorin Kenia 2009-2019

COMUNDO: Jutta Wermelt, Sie waren schon vor Ihrem Engagement in Kenia in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Was motivierte Sie zum Einsatz im und für den Süden?
Jutta Wermelt: Am Anfang stand das Interesse, einmal ausserhalb von Europa  Erfahrungen in einem anderen Kulturkreis zu machen. Also absolvierte ich im Rahmen eines akademischen Austauschprogramms einen dreimonatigen Kurzeinsatz in Indien. Das gab mir einen kleinen Einblick in die Lebenssituation und Herausforderungen der Menschen dort. Doch drei Monate sind sehr kurz und ich für mich war klar, dass ich das länger machen wollte. Also ging ich mit dem Evangelischen Entwicklungsdienst für vier  Jahre als Fachperson nach Simbabwe.
 
Was reizte Sie an der Aufgabe als Landeskoordinatorin in Kenia? In dieser Funktion standen Sie ja nicht in direktem Kontakt mit den Begünstigten.
Nach den vier Jahren in Simbabwe war für mich klar, dass ich weiterhin in der Entwicklungszusammenarbeit tätig sein möchte. Durch eine Freundin, die mit COMUNDO in Taiwan war, erfuhr ich von der freien Koordinationsstelle in Kenia. Als Koordinationsperson hat man mehr Verantwortung, mehr Einfluss und damit auch mehr Wirkungspotenzial auf die Programme, die Partner und die Einsätze. Daneben arbeitete ich in einem Kleinpensum als Ergotherapeutin bei den Special Education Professionals (SEP), die Therapieangebote für Kinder mit besonderen Bedürfnissen haben. 

  • Zunächst musste ich mir einen Überblick über das Land und über die politische und wirtschaftliche Situation verschaffen.
Welche Herausforderungen erwarteten Sie bei Ihrer Ankunft in Nairobi?
Zunächst musste ich mir einen Überblick über das Land und über die politische und wirtschaftliche Situation verschaffen. Ich musste Partnerorganisationen und Fachpersonen kennenlernen,  herausfinden, welche Organisationen interessant für eine Zusammenarbeit mit COMUNDO sind  und mit wem und wo ich netzwerken konnte. Als ich in Kenia einreiste, war erst ein Jahr seit den politischen Ausschreitungen im Wahljahr 2008 verstrichen. Das Thema beschäftigt die Menschen noch bis heute, da es für die Opfer keine Gerechtigkeit gab.
 
Wie konnten Sie Partnerorganisationen für COMUNDO finden und gewinnen?   
Im Bereich der Koordination musste ich vieles aufbauen und erarbeiten, es war längere Zeit keine Koordinationsperson mehr vor Ort gewesen. Als ich angefangen habe, waren in Kenia vier Fachpersonen im Einsatz; jetzt zum Schluss waren es bis zu 16 Personen. Mein Vorgänger war Dekan und folglich arbeitete COMUNDO vor allem mit kirchlichen Partnern zusammen. Mein Hintergrund kommt aus dem Gesundheitsbereich und so fokussierte ich mich auf Organisationen, die sich in diesem Sektor engagieren; später kam dann noch der Bereich Aus- und Weiterbildung dazu.
 
Wie hat sich SEP, die Partnerorganisation, wo sie als Ergotherapeutin tätig waren, während ihres zehnjährigen Einsatzes entwickelt? Wie konnten Sie Ihr Fachwissen einbringen?
Als ich 2009 bei SEP angefangen habe zu arbeiten, gab es eine festangestellte Person in der Administration, heute sind es acht festangestellte Leute und viele freiwillige Mitarbeitende. In den zehn Jahren ist die Organisation professioneller geworden. Ich habe geholfen, Strategiepläne zu evaluieren, zu überarbeiten und neu zu erstellen, Reglemente einzuführen. Auch habe ich Mitarbeitende im Kurs «Training for Trainers» ausgebildet. Beim Abschied sagten sie, ich hätte zu ihrer persönlichen und beruflichen Weiterentwicklung beigetragen. Das war eine schöne Anerkennung für mich.
 
  • Im Idealfall ist der oder die Einsatzleistende innerhalb einer Organisation eingebettet und der Austausch zwischen Fachperson und lokalen Mitarbeitenden funktioniert. 
Wie schätzen Sie allgemein die Wirksamkeit der Projekteinsätze ein?
Im Idealfall ist der oder die Einsatzleistende in eine Organisation eingebettet und der Austausch zwischen Fachperson und lokalen Mitarbeitenden funktioniert. Andere Ideen, unterschiedliche Denk- und Sichtweisen können den Ausschlag geben, um etwas zu verändern. Die zurückgekehrten Fachpersonen können im Norden zur Sensibilisierung beitragen, indem sie ihr Wissen um die Lebensumstände der Menschen im Süden verbreiten und so mit Vorurteilen aufräumen.
 
Ist Wirksamkeit überhaupt messbar?
Man hat mit der Zeit kleinere Erfolge. Es sind kleine Schritte, die wichtig sind. Sie zu bewerten, ist schwierig. Wir haben in unserem Landesprogramm bezüglich der Nachhaltigkeit von Einsätzen eine Evaluation gemacht. Dabei zeigten sich Handlungsweisen, die von ehemaligen Fachpersonen kamen und hängengeblieben sind.
 
Welchen Ratschlag geben Sie einer ausreisenden Fachperson mit auf den Weg in den Südeinsatz?
Am Anfang sind Geduld und Gelassenheit gefragt. Es braucht Zeit, bis eine Fachperson in eine Partnerorganisation eingebettet ist. Man muss sich zurücknehmen und darf es nicht persönlich nehmen, wenn man Ideen einbringt, die Zeit aber noch nicht reif dafür ist, sie umzusetzen. Man muss das Leistungsdenken ablegen und darf sich nicht allzu ernst nehmen. Eine Fachperson kann Vorschläge machen, es ist jedoch der Partnerorganisation belassen, diese anzunehmen und umzusetzen. Es ist wie bei einer Pflanze, die Zeit braucht zum Wachsen. Als Fachperson ist man lösungsorientiert, aber man muss jemanden im Team finden, den man damit begeistern kann. Zu Beginn eines Einsatzes sieht man nur einen Ausschnitt, ein Puzzleteil, das gesamte Bild erschliesst sich einem erst nach einer gewissen Zeit. Es ist eine Beziehung, die man aufbaut. Und was essenziell ist: Mit Humor kommt man immer weiter. 
 
  • Zu Beginn eines Einsatzes sieht man nur einen Ausschnitt, ein Puzzleteil, das gesamte Bild erschliesst sich erst nach einer gewissen Zeit.
Welches sind Ihre wichtigsten Erfahrungen als Fachperson?
An erster Stelle kommt die Neugierde auf die Menschen, die Organisationen. Es ist wichtig, Fragen zu stellen, nicht zu bewerten, die Sachen zu nehmen wie sie sind. Auch ist es hilfreich, die Geschichte des Landes, der Menschen und der Organisation, mit der man zusammenarbeitet, zu kennen. Die Partnerorganisationen unterliegen vielen Einflüssen, politisch, sozioökonomisch, klimatisch…  Wer die Zusammenhänge kennt, kann besser verstehen, warum die Schwierigkeiten entstanden sind. Wichtig ist auch die Wertschätzung für das bis anhin Geleistete.
 
Wie geht man als Einsatzleistende/r mit dem Thema Armut um?
Eine gewisse seelische Widerstandskraft muss man schon entwickeln gegen manche Zustände, die man so sieht. Sonst wird man handlungsunfähig. In Kenia geht es den Menschen heute besser, doch die Schere zwischen reich und arm wird grösser. In Nairobi leben die Superreichen und die Slumbewohner Tür an Tür, wobei es im Slum immer noch nicht überall fliessendes Wasser oder Strom gibt.
 
Wie geht’s weiter – was sind Ihre Pläne?
Erstmal ankommen, alles Administratorische erledigen, einen Job suchen. Ich möchte in der Entwicklungszusammenarbeit bleiben. Es ist eine Herausforderung, nach so langer Zeit wieder in Deutschland Fuss zu fassen. Es ist nicht mehr so klar, wo die Heimat ist. Das soziale Netz fehlt am Anfang – das ist beim Einsatzbeginn so wie auch bei der Rückkehr. Heute bleibt man aber dank Internet mit den Freunden in der Heimat verbunden.
 
Würden Sie wieder einen solchen Einsatz machen?
Auf jeden Fall!

Interview: Christa Arnet
Foto: Marcel Kaufmann

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