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15.11.2021

Unsere Welt nachhaltig verändern

Was bewirken Fachpersonen-Einsätze konkret bei den Menschen vor Ort? Comundo-Forschungsleiter Josef Estermann ist dieser Frage in einer Studie nachgegangen. Sein Befund: Es werden Veränderungsprozesse hin zu langfristig besseren Lebensbedingungen ermöglicht. Sie brauchen aber Zeit und erfordern Geduld.

Interview: Christa Arnet-Engetschwiler, Comundo-Magazin HORIZONTE

HORIZONTE: Josef Estermann, für Ihre Studie über den Mehrwert der PEZA* haben Sie die Wirkung des interkulturellen Austauschs zwischen Menschen aus dem Norden und dem Süden in einem Dutzend Partnerorganisationen von Comundo untersucht. Zu welcher Erkenntnis sind Sie gekommen? 

Josef Estermann: Die PEZA wirkt nachhaltig! Anders als bei der Nothilfe oder den Projektfinanzierungen lässt sich die Wirkung allerdings nicht immer mit konkreten Zahlen belegen oder eindeutig einzelnen Personaleinsätzen zuordnen. Auch ist der Effekt des interkulturellen und professionellen Austauschs subtiler und spiegelt sich zum Beispiel im zwischenmenschlichen Umgang innerhalb der Partnerorganisationen, der respektvoller wird. Oder im Empowerment der Frauen, worin eine grosse Chance liegt, denn der Machismo z.B. in Lateinamerika ist weit verbreitet. Solche Transformationsprozesse dauern lange und erfordern Geduld.  

Studie «Mehrwert der Personellen Entwicklungszusammenarbeit aus Sicht der Partnerorganisationen» (November 2018) unter: https://www.unite-ch.org/de/studien

Welche interkulturellen Herausforderungen gilt es für Partnerorganisationen und Fachleute zu meistern, damit Transformationsprozesse überhaupt stattfinden können?

Es braucht gegenseitiges Vertrauen, damit eine Bewusstseinsveränderung möglich wird. Bei Einsatzbeginn müssen sich die Fachleute in mitunter straff geführte Partnerorganisationen einfügen, dabei authentisch sein und die eigenen Standpunkte immer wieder hinterfragen. In der Schweiz haben wir vermehrt flachere Hierarchien, der Führungsstil ist partizipativ, es gibt eine Diskussionskultur. Wenn Einsatzleistende konfrontiert werden mit einer Top-Down-Führung, führt das manchmal zu interkulturellen Konflikten. Doch dank solcher Auseinandersetzungen gibt es mit der Zeit Effekte, wo die Hierarchie ins Wanken kommt und sich eine neue Art des Umgangs herausbildet. In der Studie nenne ich dies «kreative Fremdheit». 

Worauf kommt es an, dass ein Personaleinsatz nachhaltig ist?

Nachhaltigkeit bedingt, dass lokale Fachkräfte ein Projekt weiterführen können, wenn der oder die Einsatzleistende die Organisation verlässt. Schon beim Aufgleisen eines Projekts muss deshalb die Frage lauten: Wie kann man den Prozess anstossen, damit er nach dem Einsatzende weitergeht. Dabei geht es nicht nur um Wissenstransfer, sondern viel mehr um Capacity Development, will heissen: Leute vor Ort in den Organisationen dazu befähigen, andere lokale Personen auszubilden. So zum Beispiel bei unserem kenianischen Partner Make-Me-Smile, wo die ehemalige Fachperson Cindy Walker ein textiles Handwerkszentrum aufgebaut hat, das nun von einer lokalen Fachperson weitergeführt wird.
  

Nachhaltigkeit bedingt, dass lokale Fachkräfte ein Projekt weiterführen können, wenn der oder die Einsatzleistende die Organisation verlässt.


Welches ist der Mehrwert von Personaleinsätzen gegenüber rein finanzieller Unterstützung?

Die grössere menschliche Nähe zwischen Entsendeorganisation und Partnerorganisation. Die Anwesenheit einer Fachperson im Einsatzgebiet ermöglicht ein direktes und intensives Zusammengehen, Zusammendenken und Zusammenhandeln mit dem Ziel, eine Verbesserung der Lebensumstände bei der Zielbevölkerung zu erwirken. Beim interkulturellen Austausch geht es um langfristige Prozesse, die mit einer Bewusstseinsveränderung zu tun haben, eben z.B. hinsichtlich Gender-Fragen. Bei punktuellen Projektfinanzierungen geht es oftmals um infrastrukturelle Projekte. So kann der Bau einer Schule innert kurzer Zeit realisiert werden. Lehrpersonen hingegen davon zu überzeugen, dass spielerische Lernformen eingänglicher und nachhaltiger sind als reiner Frontalunterricht, braucht schon etwas länger.

Worin sehen die Partnerorganisationen den Benefit im interkulturellen Austausch mit einer ausländischen Fachperson?

Ausser der fachlichen Qualität profitieren die Partnerorganisationen von einer anderen Art und Weise, die Dinge zu verstehen und zu denken. Die unterschiedlichen Perspektiven helfen dabei, eine gute Lösung zu finden und die Institutionen zu stärken. Deshalb ist der Gesichtspunkt einer ausländischen Fachperson wichtig. Auch von der anderen Art, sich zu organisieren und die Zeit zu managen, können wir gegenseitig lernen.
 

Ausser der fachlichen Qualität profitieren die Partnerorganisationen in den Projektländern von einer anderen Art und Weise, die Dinge zu verstehen und zu denken.


Hand aufs Herz: Geht es den Partnerorganisationen nicht einfach darum, die Kosten für einheimisches Personal einzusparen?

Das ist nicht die Aufgabe und das Ziel von Comundo. Die PEZA wäre nicht nachhaltig, wenn keine strukturelle langfristige Perspektive dahintersteckt. Deshalb sind unsere Fachleute heute primär auf Organisationsebene tätig.

Wie ist das zu verstehen?

Es kann nicht unsere Aufgabe sein, Kinder zu unterrichten oder medizinische Behandlungen durchzuführen. Dazu hat es vor Ort genug qualifiziertes einheimisches Personal. Vielmehr geht es darum, mit Multiplikator/-innen wie Lehrkräften oder Pflegefachleuten zusammen Veränderungsprozesse in Gang zu setzen. Dies geht dann in Richtung «weltweites Lernen»: Voneinander lernen, grosse Fehler vermeiden und Gutes gemeinsam weiterentwickeln, in einer gleichberechtigten Kommunikation und ohne Druck.  

Dann sind die Schweizer Fachleute gar nicht direkt im Kontakt mit der Zielbevölkerung?

In den letzten zwei Jahrzehnten hat es in der PEZA tatsächlich einen Wandel gegeben. Rund 80 Prozent der Einsatzleistenden von Comundo arbeiten heute in der Stärkung der Organisationen, also in der Weiterbildung, Kommunikation, im Capacity Building und Institution Building, in der Organisationsentwicklung. Der direkte Kontakt mit den Begünstigten muss dennoch stattfinden, sonst kann ein Einsatz nicht zielführend sein – man muss die Lebensumstände und Probleme der Zielbevölkerung kennen. 

Hernach liegen die Zielsetzungen bei den Einsätzen nicht unmittelbar bei der Verbesserung der Lebensumstände bei den Endbegünstigten, sondern bei der Stärkung der Partner?

Ein besseres Leben für die betroffene Bevölkerung ist und bleibt das Endziel! Unseren Beitrag dazu leisten wir indirekt, indem z.B. Finanzfachleute von Comundo in einer Partnerorganisation Lohnsysteme oder Budgetgrundlagen erstellen oder optimieren. Manchmal fehlt bei den Partnern schlicht die Dringlichkeit für solche Dinge, wenn Leute täglich ums Überleben kämpfen. Oder es fehlt ihnen die Erfahrung oder die nötige Ausbildung, auch vernetztes globales Wissen ist kaum vorhanden. Hier gibt es Potenzial für die PEZA, damit verändertes Denken und Handeln weitere Prozesse initiieren kann.

Was meinen Sie damit konkret?   

Zum Beispiel in der Vernetzung mit anderen Partnerorganisationen, die mit ihren Projekten in eine ähnliche Richtung zielen. Wie z.B. bei der Gewaltprävention in Bolivien, wo sich Comundo-Fachleute und ihre Partnerorganisationen punktuell mit anderen Institutionen zusammentun, die im gleichen Bereich tätig sind. Wir nennen diese Form der Zusammenarbeit «Cluster». Daraus entstanden sind übergreifende Projekte wie z.B. ein Universitätslehrgang zu Gewaltprävention (s. Seite 10) oder das telefonische Erste-Hilfe-Telefonangebot «te escucho», das während der Corona-Pandemie ins Leben gerufen wurde.   

Wie wird sich die PEZA weiterentwickeln?  

Ich gehe davon aus, dass sich die internationale Entwicklungszusammenarbeit massiv verändern wird. Dass man nicht mehr von Entwicklungszusammenarbeit spricht, sondern von weltweiter Mitverantwortung und gemeinsamer Weltgestaltung. Dabei wird der Austausch immer wichtiger, das Verständnis füreinander. Einerseits sind wir wirtschaftlich und medial globalisiert, auf der anderen Seite haben nationalistische Tendenzen zugenommen. Das hat miteinander zu tun. Wir haben keine globale Identität. Beide Tendenzen sind aber nicht gegensätzlich, sondern komplementär, im Sinne von «global denken, lokal handeln». «Glokalisierung» sagt man dem auch. Wir brauchen den grossen, globalen Blick, aber auch das lokale Handeln. Es geht um das Ganze, um weltweite soziale Gerechtigkeit. Die PEZA braucht es auch in Zukunft. Denn selbst wenn es keine Armut oder Diskriminierung mehr gäbe, braucht der Mensch den weltweiten Austausch; dieser ist für die gegenseitige Bereicherung unabdingbar.

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Eine langfristige Projektausrichtung hat für Comundo oberste Priorität. Die neuste Ausgabe des Magazins HORIZONTE beleuchtet den Ansatz der Personellen Entwicklungszusammenarbeit aus verschiedenen Blickwinkeln.
 

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