Frühe Förderung legt das Fundament
Namibia stellt die frühkindliche Förderung neu auf und verankert sie stärker im Bildungssystem. Warum dieser Schritt wichtig ist, was er für Kinder mit Beeinträchtigungen bedeutet und weshalb Ansätze wie jener von Side by Side wegweisend sind, erklärt Edda W. Bohn im Gespräch mit Comundo.
Edda W. Bohn ist stellvertretende Direktorin des namibischen Bildungsministeriums (Ministry of Education, Innovation, Youth, Sports, Arts and Culture, kurz MEIYSAC). Das Gespräch führte Anna Hartmann, Landesprogrammleiterin von Comundo in Namibia.
Frau Bohn, weshalb will Namibia stärker in die ersten Lebensjahre investieren?
Bohn: Die ersten Lebensjahre legen das Fundament für die weitere Entwicklung eines Kindes. Gute frühkindliche Förderung verbessert die Chancen in der Schule, verringert Klassenwiederholungen und wirkt sich langfristig positiv auf Einkommen und Gesellschaft aus. Untersuchungen in Namibia zeigen: Jeder investierte Namibia-Dollar kann langfristig einen wirtschaftlichen Nutzen von bis zu 17 bis 18 Namibia-Dollar bringen.
Wie soll diese Förderung konkret aussehen?
Bohn: Wir wollen Familien und Kinder von Anfang an erreichen. Dazu gehören Hausbesuche, Elternbildung und Gesundheitsangebote während der ersten 1’000 Tage. Gleichzeitig sollen mehr Kinder Zugang zu gut geführten Kindertagesstätten und Vorschulangeboten erhalten. Wichtig ist, Gesundheit, Ernährung, Kinderschutz und Bildung besser miteinander zu verbinden.
Bisher war die frühkindliche Förderung nicht beim Ministerium, welches für Bildung zuständig ist, angesiedelt. Was wird sich mit der Überführung ins Bildungsministerium konkret ändern?
Bohn: Frühkindliche Förderung wird damit nicht mehr vor allem als soziale Betreuung verstanden, sondern als fester Teil des Bildungswegs. Der Lehrplan für Kinder von null bis fünf Jahren wird mit der Vorschule und den ersten drei Schuljahren abgestimmt. So entsteht ein durchgehender Lernweg vom frühen Kindesalter bis in die Primarschule.
Welche Rolle spielt die Ausbildung der Betreuungspersonen?
Bohn: Eine sehr grosse. Bisher bestanden viele Ausbildungen aus kurzen Kursen ohne einheitliche Anerkennung und ohne klaren Berufsweg. Künftig sollen verbindliche Ausbildungsstandards, anerkannte Abschlüsse und laufende Weiterbildungen die Qualität verbessern.
Was verändert eine bessere Ausbildung im Alltag der Kinder?
Bohn: Gut ausgebildete Fachkräfte beaufsichtigen Kinder nicht einfach. Sie fördern sie mit kindgerechten, spielerischen Lernangeboten und unterstützen dabei ihre geistige, soziale, emotionale und motorische Entwicklung. Sie erkennen Entwicklungsverzögerungen früher, passen Materialien an und können Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf gezielter begleiten.
Wie wichtig ist dabei die Inklusion?
Bohn: Inklusion ist ein Grundprinzip der namibischen Bildungspolitik. Kein Kind soll wegen einer Beeinträchtigung oder Entwicklungsverzögerung vom Zugang zu frühkindlicher Förderung ausgeschlossen werden. Dazu braucht es barrierefreie Räume, angepasste Lernmittel, individuelle Förderpläne und genügend Zeit für jedes Kind. Auch Unterricht in der Muttersprache, zweisprachige Angebote und die namibische Gebärdensprache gehören dazu.
Wo liegen heute die grössten Hürden im Bereich der Inklusion?
Bohn: Entwicklungsverzögerungen und Beeinträchtigungen werden noch nicht überall früh erkannt. Viele Einrichtungen sind nicht barrierefrei und verfügen kaum über geeignete Lernmittel. Zudem fehlt Fachwissen, besonders in ländlichen und abgelegenen Regionen. Auch verlässliche Daten zu kleinen Kindern mit Beeinträchtigungen sind noch nicht überall vorhanden.
Was ist nun der nächste grosse Schritt für die namibische Regierung im Bereich der frühkindlichen Förderung?
Bohn: Vorgesehen ist, dass mein Bildungsministerium (MEIYSAC) am 1. Januar 2027 die Aufsicht, Qualitätssicherung und Registrierung sowie die Auszahlung von Fördermitteln für die einrichtungsbasierten frühkindlichen Angebote vollständig übernimmt. Geplant sind zudem Zuschüsse pro Kind an registrierte Einrichtungen, sowie schrittweise höhere Anforderungen an die Ausbildung der Fachkräfte.
Was ist Ihnen mit Blick auf die Zukunft besonders wichtig?
Bohn: Uns ist klar, dass eine verbesserte Ausbildung von Fachkräften zur Qualität der frühkindlichen Bildung beiträgt; weg von der blossen Betreuung hin zu kindzentriertem, spielbasiertem Lernen. So können wir die Schulreife der Kinder erheblich verbessern, Entwicklungsverzögerungen frühzeitig erkennen und Kinder mit besonderem Unterstützungsbedarf gezielt fördern.»
Vielen Dank für dieses Gespräch.
Grosse Zukunft beginnt klein
Blog-Beitrag, Bildung Namibia
Stellen Sie sich vor, Ihr Kind wird ausgegrenzt, hat keinen Zugang zu Bildung und Förderung und kann sein Potenzial nicht entfalten. Genau das geschieht in vielen ländlichen Regionen Namibias, wenn gezielte Projekte fehlen. Doch eine Modell-Kindertagesstätte zeigt nun, wie sich Kinder optimal entwickeln können; eine frühkindliche Förderung mit Vorbildfunktion für ganz Namibia.