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15.01.2020

«Die Kraft der sozialen Proteste macht Mut»

Kolumbien kommt nicht zur Ruhe. Im Departement Cauca, im Südwesten des Landes zwischen Hochanden und Pazifikküste, wo Comundo-Fachperson Jonas Rüger im Entwicklungseinsatz ist, herrschen kriegsähnliche Zustände. Im Interview schildert er, wie sich die permanenten Unruhen auf die Lebensbedingungen und seine Arbeit auswirken.

Es gab eine kurze Phase der Entspannung, nachdem im Jahr 2016 die demobilisierten Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC-EP), der bis dahin grössten im Land aktiven Guerrilla, und die Regierung die Friedensverträge unterzeichneten. Doch inzwischen hat sich die Situation der ländlichen Gemeinden wieder massiv verschlechtert,  fast 500 Menschenrechtsverteidiger*innen und lokale Führungspersönlichkeiten sind seither ermordet worden. Vom Konflikt besonders hart betroffen ist das Departement Cauca, wo Comundo-Fachperson Jonas Rüger mit seiner Familie lebt. Der Politikwissenschaftler und seine Ehefrau, die Sozialpädagogin Silvia Ramirez, sind mit Comundo bei der Partnerorganisation Consejo Regional Indígena del Cauca (CRIC) im Einsatz. Dort engagieren sie sich für die Rechte der indigenen Gemeinschaften. 

Jonas Rüger, das Departement Cauca, wo Du mit Deiner Familie lebst, ist einer der Brennpunkte des neu aufflammenden gewaltsamen Konflikts. Worum geht es? 
Jonas Rüger: Die Situation ist angespannt und kompliziert. Da ist einerseits die politische Ebene, mit einer Regierung, die Kernelemente des Friedensprozesses, wie zum Beispiel die Übergangsjustiz oder die Einbeziehung und Entschädigung von Opfern, immer wieder in Frage stellt oder durch Mittelstreichungen oder bürokratische Verschleppung sogar aktiv hintertreibt. Teile der Regierungspartei streuen weiterhin Hass, Angst und Misstrauen gegenüber allem, was nicht auf ihrer politischen Linie liegt. Das geht von den demobilisierten Guerrilleros und Guerrilleras bis hin zu sozialen Protesten von Studierenden, Indígenas oder Campesinos, die sie zu kriminalisieren versuchen. Auf der anderen Seite sind die persönliche Betroffenheit und die Realität auf dem Land. In vielen Gegenden herrscht inzwischen schlichtweg wieder Krieg.

Wie hat sich der Konflikt verglichen mit der Zeit vor der Unterzeichnung der Friedensverträge im Jahr 2016 verändert?  
Vorher, mit den FARC, gab es wenigstens klare Strukturen und Ansprechpartner, mit denen die Gemeinden verhandeln konnten. Jetzt gibt es eine Vielzahl von bewaffneten Gruppen, die auch untereinander um die Vorherrschaft kämpfen und kaum noch eine politische Agenda verfolgen. Sie sind hinter den Geldern aus Drogenhandel und illegalem Bergbau her oder agieren als bezahlte Schlägertrupps und Auftragsmörder. Wir arbeiten mit vielen Menschen zusammen, die täglich Bedrohungen und Angriffen ausgesetzt sind. Ich habe aufgehört, zu zählen, wie viele compañeros und compañeras aus den Gemeinden ermordet worden sind, seit wir hier angekommen sind. Unter solchen Bedingungen ist es schwer, von Versöhnung und Wiedergutmachung zu reden.

Wer sind die Konfliktparteien in Cauca? Inwiefern ist die Comundo-Partnerorganisation CRIC in den Konflikt involviert?
Im Cauca stecken vor allem die reichen Grossgrundbesitzer-Familien mit drin, die immer noch über viel ökonomische und politische Macht verfügen. Die von unserer Partnerorganisation CRIC angeführte indigene Bewegung ist ihnen der grösste Dorn im Auge, weil sie es tatsächlich geschafft hat, einer vorher völlig unterdrückten Bevölkerungsgruppe eine Stimme zu verleihen, und mit ihren wochenlangen Strassenblockaden und der erfolgreichen Rückeroberung von über Jahrhunderte geraubtem Land an den Machtverhältnissen hier zu rütteln. 

Die indigene Bewegung hat es geschafft, einer vorher völlig unterdrückten Bevölkerungsgruppe eine Stimme zu verleihen, und mit der Rückeroberung von geraubtem Land an den Machtverhältnissen zu rütteln.

Wie wirken sich die politischen Spannungen auf eure Arbeit bei CIRC im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit aus?
Seit in der zweiten Jahreshälfte 2019 die Gewalt wieder eskaliert ist, wurden unsere Aktivitäten im Feld massiv eingeschränkt. Ich habe zum Beispiel vorher oft mit der Guardia Indígena (unbewaffneter indigener Zivilschutz, Anm.d.Verf.) gearbeitet. Bis die compañeros meinten, dass ich zu viel Aufmerksamkeit erzeugen würde und sie mich nicht mehr mitnehmen könnten. Jetzt sitze ich vermehrt im Büro, helfe bei Anträgen und Berichten, mache mehr Öffentlichkeitsarbeit, bereite Veranstaltungen mit vor, kann aber oft nicht selbst teilnehmen. Das ist zwar wahrscheinlich sicherheitstechnisch für alle Beteiligten am besten, aber auch frustrierend. Die Kolleg*innen und noch mehr die Menschen in den Gemeinden, mit denen wir arbeiten, sind ständig den Risiken ausgesetzt, vor denen wir bewahrt werden. Ein Kollege von mir wurde angeschossen, nur die kugelsichere Weste hat Schlimmeres verhindert.

Und wie steht es um Deine eigene Sicherheit und diejenige Deiner Familie? 
Hier in Popayán (der Departements-Hauptstadt, Anm.d.Verf.) fühlen wir uns nicht persönlich gefährdet. Aber unsere Partnerorganisation wird ständig bedroht. Im April wurde auch das Büro einmal mit Steinwürfen angegriffen. Wir sind noch vorsichtiger geworden, wem wir erzählen, wo genau wir arbeiten, und nennen dann eher Comundo als den CRIC. Ich trage auch nur noch selten Logos oder andere Organisations-Kennzeichen ausserhalb der Arbeit.

Wie gehst Du und Deine Familie mit dieser Situation um? Wie verarbeitet ihr die Vorkommnisse, die ihr hautnah miterlebt?
Die psychische Belastung ist schon sehr hoch. Und gleichzeitig muss ja auch der ganze Familienalltag weitergehen; die Kinder müssen zur Schule, haben Hausaufgaben, Examen und Kindergeburtstage. Ich versuche, mir jeden Tag wenigstens ein paar kurze Momente zu nehmen, um einfach durchzuatmen und Ruhe zu finden. Auch das Coaching, das wir über Comundo bekommen, und der Austausch mit Kolleg*innen über die Situation sind wichtig. Und ich versuche eben, die Freiräume, die dadurch entstehen, dass ich nicht mehr so häufig ins Feld kann, anders sinnvoll auszufüllen. 

Zum Beispiel?
Mit einer Kollegin zusammen habe ich die Datenbank für Menschenrechtsverletzungen in indigenen Territorien überarbeitet, Kriterien und Kategorien vereinheitlicht und die Möglichkeiten zur statistischen Auswertung und Darstellung der Daten verbessert. Das hat uns bereits sehr geholfen, die Lage in den indigenen Gebieten klar, konzise und gut mit Daten hinterlegt nach aussen hin zu schildern, etwa gegenüber internationalen Missionen und Beobachter*innen der UNO oder der Organisation Amerikanischer Staaten.

Wir haben die Datenbank für Menschenrechtsverletzungen in indigenen Territorien überarbeitet. Das hilft uns, die Lage in den indigenen Gebieten mit Daten hinterlegt nach aussen hin zu schildern - etwa gegenüber internationalen Missionen und Beobachter*innen der UNO oder der Organisation Amerikanischer Staaten.

Was muss geschehen, damit sich die Lage für die indigenen Gemeinschaften verbessert?
Ich zitiere mal einfach, was ein compañero vom Totoró-Volk auf die gleiche Frage der Wahrheitskommission geantwortet hat: „Damit sich für die indigene Gemeinden und die Landbevölkerung wirklich etwas ändert, muss sich das Wirtschaftssystem Kolumbiens ändern.“ Also weg von den grossen Monokulturen, dem legalen und illegalen Bergbau zum Export von Rohstoffen, hin zu lokalen Wertschöpfungsketten, vernünftigen Preisen für landwirtschaftliche Produkte, mehr ökologischem Landbau, Landreform, ein menschenwürdiges Leben sichernde Löhne, Ausbau ländlicher Infrastruktur sowie der internen Verkehrsverbindungen usw. Eine wirklich konsequente Umsetzung des Friedensvertrages wäre da ein wichtiger Schritt, er nimmt nämlich erstaunlich viele dieser Themen auf.

Wie steht es um Anbau, Produktion und Export von Drogen? Da mischt Kolumbien doch nach wie vor weltweit ganz vorne mit. 
Den Anbau von Koka, Marihuana und Mohn für die Drogenproduktion zähle ich genauso zu den Export-Monokulturen wie Ölpalmen, Holzplantagen oder Zuckerrohr. Sie haben die gleichen fatalen ökologischen und sozialen Auswirkungen, sind gleichermassen mit Vertreibung, Gewalt und bewaffneten Gruppen verwoben, und der Konsum der Endprodukte findet auch nicht in Kolumbien statt. Auszunehmen ist da nur das bisschen Koka und Marihuana, das für die traditionelle Medizin verwendet wird, aber das sind eben auch in der Regel ein paar Pflanzen im Hausgarten und nicht hektargrosse Monokulturen. Beim Marihuana sind es auch andere Sorten, die leider immer mehr von den stärker psychoaktiven verdrängt werden.

Nochmals zu Deinem und Silvia Ramirez‘ Einsatz bei CIRC: Wie könnt ihr mit eurer Arbeit vor Ort für bessere Lebensbedingungen der Menschen beitragen?
Unsere Arbeit konzentriert sich auf zwei Punkte: Einerseits die Stärkung von Kompetenzen in Planung und Management in den Organisationsstrukturen des CRIC und andererseits die direkte Arbeit mit Menschen auf der „Graswurzelebene“ zu unterschiedlichen Themen, die aber immer mit der Überwindung von Gewalt zu tun haben - zum Beispiel der Umgang mit Konflikten, Männlichkeitsverständnisse, Drogenmissbrauch oder die Einforderung von mehr Beteiligung für Frauen und Jugendliche. Beides unterstützt die Menschen hier dabei, die für sie wichtigsten Probleme zu identifizieren und zu analysieren, Lösungsansätze zu entwickeln und selbst umzusetzen oder eben auch die Übernahme von Verantwortung durch die Regierung einzufordern, wo das nötig ist.

Unsere Arbeit konzentriert sich auf die Stärkung von Kompetenzen in Planung und Management in den Organisationsstrukturen des CRIC sowie auf die direkte Arbeit mit Menschen auf der «Graswurzelebene» zu unterschiedlichen Themen, die mit der Überwindung von Gewalt zu tun haben. 

Gibt es konkrete Ansätze oder Massnahmen,wie die Schweizer Politik oder jeder von uns den Friedensprozess in Kolumbien unterstützen kann?
Ich denke, der Druck von aussen auf die kolumbianische Regierung, den Friedensprozess ernsthaft zu unterstützen, ist enorm wichtig. Und dann sind da die einfachen Konsumentscheidungen, die wir alle jeden Tag treffen: Kaufe ich jetzt den billigen Discounterkaffee oder eben doch lieber den fair gehandelten und ökologisch produzierten? Die Flugananas irgendeines Riesenkonzerns aus kolumbianischer Monokultur oder Äpfel und Birnen vom Bauern aus der Nachbarschaft?

Wie ist Deine Prognose für die Zukunft? Wie wird sich die Lage im Konfliktgebiet auf längere Sicht hin entspannen?
Mit alldem, was in der zweiten Hälfte des Jahres 2019 passiert ist, fällt es manchmal schwer, nicht die Hoffnung zu verlieren. Aber dann sehe ich wieder all die Leute hier, die jeden Tag - trotz aller Angriffe, Einschüchterungsversuche und der Gleichgültigkeit der Regierung - unermüdlich weiter daran arbeiten, ein anderes Kolumbien möglich zu machen. Da denke ich dann wieder: Nein, aufgeben gilt nicht. Gerade unter den jungen Leuten gibt es viele, die neue Brücken zwischen unterschiedlichen Gruppen bauen, zum Beispiel zwischen der Stadt- und der Landbevölkerung oder zwischen Indígenas und Afrokolumbianer*innen. Auch die Kraft der sozialen Proteste jetzt im November und Dezember macht mir Mut.

Interview: Othmar Bamert, Christa Arnet
Bilder: Jonas Rüger
 


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