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23.05.2020 | Peru, Ernährung und Einkommen

Warten auf die Touristen in den Anden Perus

Das Tourismusprojekt der Inkas Vivientes in den peruanischen Anden entwickelte sich lange Zeit ausgezeichnet. Doch jetzt bleiben die Touristen wegen der Corona-Krise weg. Comundo-Fachperson Marc Fessler hat sich entschieden, bei den indigenen Familien zu bleiben und sie weiterhin zu unterstützen – damit alles bereit ist, wenn die Gäste zurückkommen.

Die indigenen Völker haben ein zyklisches Verständnis von Zeit, von immer wiederkehrenden Prozessen, wie etwa der Erdrotation (Tag/Nacht), dem Mondzyklus (Monat, Ebbe/Flut) oder der Umlaufbahn um die Sonne (Jahr, Jahreszeiten). Nichts ist für immer, aber alles kehrt wieder. Alles was wir tun können, ist, im jetzigen Moment in Harmonie zu leben, denn wie gesagt: Nichts ist für immer, aber alles kehrt wieder. 

Diese positive Lebenseinstellung hilft den Inkas Vivientes aktuell in der schwierigen Corona-Zeit. Nachdem unser Tourismusprojekt zuletzt erfolgreich verlief und die Einnahmen in einem Jahr verdoppelt werden konnten, hat sich die Situation jetzt grundlegend verändert. Touristen gibt es keine mehr, die letzten wurden Mitte April mit den sogenannten Repatriierungsflügen in ihre Heimatländer gebracht, die Strassen sind leer, die Grenzen sind zu.

Dank des guten Geschäfts im letzten Jahr konnten die Inkas Vivientes für alle Gastgeber-Familien neues Keramik-Geschirr bestellen. Vorläufig wird es leider kaum benutzt.
Dank des guten Geschäfts im letzten Jahr konnten die Inkas Vivientes für alle Gastgeber-Familien neues Keramik-Geschirr bestellen. Vorläufig wird es leider kaum benutzt.

Peru hat eine umfassende Quarantäne verhängt, die es nicht einmal erlaubt, zu zweit oder ohne triftigen Grund nach draussen zu gehen. Auf der Strasse wird man von Soldaten und Polizisten angesprochen, wieso man sich im Freien aufhält. Dies sind wirklich keine einladenden Bedingungen für einen touristischen Aufenthalt. Die Reservierungen, die wir für April und danach hatten, wurden alle storniert und es ist ungewiss, wann sich der Tourismus erholen wird.

Leerer Plaza San Blas in Cusco. Foto: Marc Fessler
Leerer Plaza San Blas in Cusco. Foto: Marc Fessler

Armut in der Quarantäne

Beinahe 70 Prozent der Peruanerinnen und Peruaner haben eine informelle Arbeit ohne Arbeitsvertrag und somit meist auch kein Einkommen mehr seit Beginn der Quarantäne. Viele besitzen nicht einmal ein Konto und haben somit auch kein Erspartes und so gibt es nun Hundertausende von Familien, welche ihre Miete und Lebensmittel nicht mehr bezahlen können. Der peruanische Staat hat zwar verschiedene Hilfszahlungen versprochen, jedoch ist die Verteilung und der Anspruch bis heute etwas undurchsichtig. Wir haben in den letzten Wochen vielen Familien und Freunden geholfen und Lebensmittel verschenkt, damit sie ein paar Tage und Wochen über die Runden kommen. 

Das Leben kann manchmal ein Überlebenskampf sein, besonders hier in Lateinamerika. Und zwar nicht nur für die Ärmsten, sondern für grosse Teile der Bevölkerung.

Hilfslieferungen für die Comunidad

In der Comunidad der Inkas Vivientes ist die Lage etwas anders als in der Stadt. Die meisten Familien wohnen in ihren selbst gebauten Häusern und produzieren ihre eigenen Lebensmittel. Obwohl die Einnahmen des Tourismus vorläufig wegfallen, sind sich die Familien bereits gewohnt, mit wenig auszukommen. Es fehlen jedoch grundlegende Dinge, welche sie nicht selbst herstellen können (z.B. Öl, Zucker, Reis, etc). In der Woche vom 20. April sind deshalb glücklicherweise Hilfslieferungen eingetroffen: Lebensmittel, Hygieneartikel und Schutzmasken.

Büro als Schulzimmer

Seit Beginn der Quarantäne am 16. März wurden die Schulen und Universitäten in ganz Peru geschlossen und kurz danach wurde entschieden, den Unterricht ab sofort online durchzuführen. Dies mag eine gute Idee sein für die schulpflichtigen Kinder aus der Stadt. Auf dem Land jedoch besitzt nahezu niemand die erforderlichen Infrastrukturen wie Internet und Computer. 

Viele Kinder auf dem Land können somit dem Fernunterricht nicht folgen. Der Vorstand der Inkas Vivientes hat deshalb beschlossen, dass wir unser Büro in Huilloc für alle schulpflichtigen Kinder und Studierenden zur Verfügung stellen.

Dort können sie unsere beiden Computer, die Internetverbindung und den Drucker gratis benutzen. Alle Kosten übernehmen wir als Organisation. So können wir unseren Teil beitragen und dem Dorf etwas helfen in diesen herausfordernden Zeiten.

Schulkinder nutzen unsere Bürocomputer in Huilloc. Foto: Marc Fessler
Schulkinder nutzen unsere Bürocomputer in Huilloc. Foto: Marc Fessler

Erster Corona-Fall in der Comunidad

Unsere Comunidad der Inkas Vivientes hat ebenfalls einen ersten Corona-Fall zu beklagen. Mitte April kam ein unbekannter Wanderarbeiter in der Comunidad an. Er war bleich, hatte Mühe zu atmen und machte einen verwirrten Eindruck. Eine unserer Mitgliederfamilien der Inkas Vivientes nahm den Fremden schliesslich bei sich auf, hat ihm Essen angeboten und ein Zimmer zur Verfügung gestellt, wo er sich erholen kann. Am nächsten Tag war der Unbekannte im Haus verstorben. Ein Ärzteteam kam aus der Stadt, um den Verstorbenen auf Covid-19 zu testen: das Resultat war positiv. Die Comunidad wurde anschliessend unter Total-Quarantäne gestellt, niemand dufte rein oder raus für 14 Tage und auch die Familien, die Kontakt hatten mit dem Verstorbenen, durfte ihre Häuser nicht mehr verlassen. Nun anfangs Mai kam die erleichternde Nachricht: Niemand aus der Comunidad zeigt Symptome und die besagten Familien wurden alle negativ getestet. Eine riesengrosse Erleichterung für uns!

Vor Ort bleibt die Hoffnung

Trotz aller schlechten Nachrichten habe ich mich entschlossen, während der Krise in Peru zu bleiben. Der letzte Flug in die Schweiz hat bereits abgehoben und die Grenzen sind zu. Niemand weiss, ob es in ein paar Monaten wieder Flüge geben wird, aber dies gehört meiner Meinung nach auch zur Entwicklungszusammenarbeit.

Ich habe mein Leben an einem neuen Ort eingerichtet und lebe es mit allen positiven und negativen Seiten, welche diese Arbeit mit sich bringt. So braucht es manchmal etwas Vertrauen in die Zukunft und die Hoffnung, dass alles gut kommt.

Ich freue mich, wenn Sie meinen Einsatz mit einer Spende unterstützen. Damit geben Sie indigenen Familien in den Anden Perus neue Perspektiven und stärken ihre Identität. Herzlichen Dank! 
 

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Besuch bei den Inkas Vivientes
Möchten Sie Marc Fessler und die Inkas Vivientes in Peru besuchen, ihren Alltag teilen und Spannendes über ihre Lebensweise erfahren? Mehr Infos finden Sie unter inkasvivientes.org.

Von Marc Fessler | 23. Mai 2020 | Peru

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Marc Fessler

Wirtschafts- und Umweltingenieur

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Die Comundo-Fachperson Marc Fessler unterstützt den Aufbau eines sanften Tourismus in den peruanischen Anden. Dank der zusätzlichen Einnahmen können die dort lebenden indigenen Gemeinschaften ihr Überleben sichern und neue Perspektiven aufbauen. Marc Fessler unterstützt sie dabei, kulturelle Attraktionen für die Gäste zu entwickeln und diese on- und offline zu vermarkten.
 

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