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18.09.2020 | Kolumbien, Menschenrechte und Demokratie

Schicksal eines Dorfes

Wasserknappheit, Häuserabriss und Zwangsumsiedlung: Das kleine kolumbianische Bauern- und Fischerdorf «El Hatillo» zieht den Kürzeren, wenn es um nationale wie internationale wirtschaftliche Interessen geht. Eine weitere Geschichte fehlender Verantwortung von Grosskonzernen. Von Julia Schmidt.

Bei jeder Anreise nach El Hatillo komme ich an verschiedenen Steinkohleminen und kilometerlangen Abraumhalden vorbei. Das Dorf liegt im Department Cesar im Norden Kolumbiens, die Region ist reich an Steinkohle. In den 1990er-Jahren begann der Abbau im grossen Stil, zwischen 1992 und 2014 steigerte er sich um 500 Prozent. 2019 stammten 62 Prozent der gesamten in Kolumbien abgebauten Steinkohle aus dem Cesar, also auch aus den Minen rund um El Hatillo. 

Gewinner und Verlierer des Steinkohle-Abbaus

Kolumbien gehört zu den zehn wichtigsten Steinkohle exportierenden Ländern weltweit. Seit vielen Jahren sieht die kolumbianische Regierung im Abbau und Export der Steinkohle den Motor für Fortschritt und Wohlstand. Doch für wen, frage ich mich? 

«Früher gingen wir in Gruppen zusammen zum Fluss, um zu fischen. Wir fingen so viel, wie wir für die Woche brauchten», erinnert sich Almeys Mejía. Mit der Ausbreitung der Minen gingen landwirtschaftliche Flächen verloren, das Grundwasser ist belastet und auch der Fluss wurde umgeleitet; er führte immer weniger Wasser und ist inzwischen komplett ausgetrocknet.  Über viele Jahrzehnte hinweg lebten die Menschen in El Hatillo von dem, was sie in und rund um ihr Dorf erwirtschaften konnten. Vieles, was sie dafür benötigten, wurde ihnen genommen.

 

Zwangsumsiedlung wegen Umweltschäden

Noch leben rund 200 Familien im Dorf. Doch aufgrund der starken Luftverschmutzung und den daraus resultierenden schweren gesundheitlichen Schäden, hat das Umweltministerium die Umsiedlung des Dorfes angeordnet – dies bereits vor zehn Jahren. Seitdem warten die Bewohnerinnen und Bewohner Jahr für Jahr, ohne Perspektiven und ohne klaren Zeitpunkt. Zwar gibt es seit langem Verhandlungen mit den Firmen, was Ablauf und Zeitpunkt der Umsiedlung angeht. Doch die geraten immer wieder ins Stocken, verzögern sich, Absprachen werden nicht eingehalten. Was sie verlieren, ist ihr Zuhause und die Lebensgrundlage. Was ihnen bleibt, ist Ungewissheit und Unbehagen; ein belastendes Gefühl, das im vergangenen Jahr noch verstärkt wurde, als Bagger der Minenbetreiber vor den Augen der Bewohner*innen mehrere Häuser abrissen.

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Konzerne müssen global Verantwortung übernehmen

Das Hin und Her um El Hatillo ist bedrückend, selbst für mich, die ich den Prozess ja nur begleite, aber selbst nicht betroffen bin. Besonders nachdenklich stimmt mich, dass ich aus einem Land komme, das diese Situation mitverschuldet. Vielen in Europa ist nicht klar, dass Steinkohle aus Kolumbien auch in deutschen Kraftwerken verfeuert wird, um Strom zu gewinnen. Oder dass mit Prodeco-Glencore eine Schweizer Firma Kohleminen im Cesar, auch in El Hatillo, betreibt. So profitieren wir im globalen Norden direkt von den Menschenrechts-Verletzungen globaler Grosskonzerne – zugunsten von «Fortschritt und Wohlstand».

«Früher gingen wir in Gruppen zusammen zum Fluss, um zu fischen.
Wir fingen so viel, wie wir für die Woche brauchten.» Almeys Mejía

 

«Es geht um Menschen, das sollte man nicht vergessen.»

Weder Almeys Mejía noch Yolima Parra haben noch Hoffnung, dass der letzte Zeitplan für die Umsiedlung, der sie für zwischen Ende 2021 und 2023 vorsieht, eingehalten werden wird. Die Coronakrise trägt dazu bei, dass alles ins Stocken gerät und sich der Prozess in die Länge zieht. Auch wenn sie eigentlich nicht wegwollen, wünschen sie sich mehr Gewissheit über ihre Zukunft. «Wir möchten nicht mehr jeden Tag mit dem Gedanken aufwachen, wann wir wohl gehen werden», sagt Yolima Parra. «Hier gibt es ältere Personen, Kinder, schwangere Frauen, alleinerziehende Mütter. Es geht um Menschen, das sollte man nicht vergessen.» 

Von Julia Maria Schmidt | 18. September 2020 | Kolumbien

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Julia Maria Schmidt

Journalistin

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Julia Schmidt reiste Anfang 2018 als Fachperson mit Comundo nach Bogotá in Kolumbien aus. Bei der Partnerorganisation Fundación Chasquis gibt sie in ihrer Medienarbeit Benachteiligten eine Stimme und thematisiert Verstösse gegen Menschenrechte und Umwelt.
 

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