Gemeinsam den Weg zur inklusiven Schule gestalten
Als ich Sister kennenlernte, war sie zehn Jahre alt und hatte noch nie eine Schule besucht. Heute besucht sie die Mulumba Primary School in Katima Mulilo und gehört zu den besten Lernenden ihrer Klasse. Ihre Geschichte zeigt, welche Voraussetzungen es braucht, damit Kinder mit Beeinträchtigungen Zugang zu Bildung erhalten und am Schulalltag teilhaben können.
Als Mitarbeitende des Cheshire Home Sister im Rahmen ihrer Dorfbesuche kennenlernten, war sie zehn Jahre alt. Als kleines Kind hatte sie noch gehen können, später verlor sie die Bewegungsfähigkeit in ihren Beinen. Eine Schule hatte sie bis dahin nie besucht. In ihrem Dorf erschwerte zudem der tiefe Sand die Fortbewegung mit dem Rollstuhl erheblich. Heute lebt Sister im Cheshire Home in Katima Mulilo, nur wenige Meter von der Mulumba Primary School entfernt. Das Cheshire Home unterstützte auch ihre Familie dabei, medizinische Hilfe für Sister zu erhalten.
Heute gehört Sister zu den Besten ihrer Klasse
Wie Sister ihren Platz im Schulalltag gefunden hat, zeigt sich besonders deutlich im Klassenzimmer. Ihre Lehrerin, Frau Muluti, beschreibt sie als äusserst engagiert, fleissig und aktiv. Sister nimmt auch an Aktivitäten ausserhalb des Unterrichts teil und wurde Klassenbeste unter 42 Lernenden. Wenn Mitschülerinnen und Mitschüler Unterstützung benötigen, wenden sie sich sogar an Sister. Manchmal übernimmt sie selbst die Initiative und fordert die Klasse auf, gemeinsam den Unterrichtsstoff zu wiederholen.
Sister bringt sich aktiv in ihre Klasse ein und hat eigene Fähigkeiten, Interessen und Zukunftspläne. Ihre Geschichte macht deutlich, wie wichtig es ist, dass Kinder mit Beeinträchtigungen Zugang zu Bildung erhalten und ihre Fähigkeiten im gemeinsamen Schulalltag einbringen können.
Zwischen Anspruch und Schulalltag
Sisters Geschichte zeigt, was möglich ist, wenn Kinder mit Beeinträchtigungen Zugang zu Bildung erhalten und Schulen dabei Unterstützung bekommen. In der Sambesi-Region ist das allerdings noch längst nicht für alle Kinder Realität. Rund 82 Prozent der über fünf jährigen Kindern mit Beeinträchtigungen in der Sambesi-Region haben noch nie eine Bildungsinstitution besucht. Zwar ist inklusive Bildung in Namibias Bildungsrichtlinien verankert, doch zwischen diesem Anspruch und dem Schulalltag besteht weiterhin eine grosse Lücke. Es fehlt an sonderpädagogischer Ausbildung, geeigneten Lernmitteln und teilweise auch an einer barrierefreien Infrastruktur. Hinzu kommen Klassen mit oft 25 bis 40 Kindern.
Der Schulleiter der Mulumba Primary School, Linus Simasiku, kennt diese Herausforderungen aus der Praxis. Für ihn ist klar: Lehrpersonen brauchen mehr Schulungen und regelmässige Auffrischungen. «Der Umgang mit unterschiedlichen Bedürfnissen ist nicht einfach. Gerade diese Unsicherheit ist Grund dafür, weshalb andere Schulen Kinder mit Beeinträchtigungen nicht aufnehmen», erläutert er mir im Gespräch.
Frau Muluti, Sisters Lehrerin, ermutigt andere Lehrkräfte dagegen, sich auf die Arbeit mit Kindern mit unterschiedlichen Bedürfnissen einzulassen und sie aktiv in den Unterricht einzubeziehen. In ihrer Klasse zeigt sich auch, wie gegenseitige Unterstützung im Schulalltag aussehen kann: Schülerinnen und Schüler helfen ihren Mitschülerinnen und Mitschülern mit Beeinträchtigungen und unterstützen sich gegenseitig.
«Wir Lehrpersonen müssen mit allen Mitteln solche Kinder unterstützen, so dass sie sich später einmal selber helfen können.» Ms Muluti, Lehrerin
Wie Cheshire Home und Schule Inklusion gemeinsam gestalten
Damit Kinder wie Sister am Schulalltag teilnehmen können, braucht es das Engagement verschiedener Akteure. Das Cheshire Home und die Mulumba Primary School arbeiten deshalb eng zusammen. Dabei bringen beide ihre jeweiligen Möglichkeiten und Erfahrungen ein.
Das Cheshire Home erreicht Kinder, die bisher nur eingeschränkten Zugang zu Bildung, Therapie oder medizinischer Unterstützung hatten. Es begleitet Familien, vermittelt Unterstützung und ermöglicht Kindern wie Sister, in der Nähe einer Schule zu wohnen. Zudem unterstützt es die Kinder dabei, ihre eigenen Fähigkeiten zu entdecken und Vertrauen in sich selbst zu entwickeln.
Die Schule wiederum ermöglicht den Zugang zu Bildung und zur Gemeinschaft mit anderen Kindern. Frau Muluti bringt es im Alltag auf den Punkt: «Die Kinder aus dem Cheshire Home gehören genauso zur Schule wie alle anderen», betont sie.
Auch der Schulleiter Linus Simasiku beschreibt die Bedeutung dieser Zusammenarbeit: «Ohne das Cheshire Home könnten Kinder, deren Familien weit entfernt wohnen, die Schule kaum besuchen. Für mich ist diese Zusammenarbeit deshalb ein entscheidender Grund dafür, weshalb wir unsere Schule überhaupt als inklusive Schule verstehen».
Damit Inklusion im Klassenzimmer wirklich gelingt
Kinder in eine Schule aufzunehmen, ist ein wichtiger erster Schritt. Damit sie dort auch am Unterricht teilnehmen und lernen können, brauchen Lehrpersonen jedoch Wissen und konkrete Möglichkeiten, um auf unterschiedliche Bedürfnisse einzugehen. Genau hier setzt die Zusammenarbeit mit Comundo an.
Seit Anfang 2026 unterstützt Comundo-Fachperson Fabienne Strebel das Cheshire Home und die beteiligten Lehrpersonen dabei, individuelle Lernpläne zu entwickeln, einfaches Unterrichtsmaterial herzustellen und passende Fördermöglichkeiten für einzelne Kinder zu finden. Dabei geht es nicht darum, fertige Lösungen vorzugeben. Vielmehr sollen gemeinsam mit den Mitarbeitenden und Lehrpersonen Wissen aufgebaut und Ansätze entwickelt werden, die sie langfristig in ihrer Arbeit einsetzen können.
Das ist entscheidend, damit aus einzelnen positiven Erfahrungen langfristige Veränderungen entstehen. Wenn Unsicherheiten abgebaut werden und Lehrpersonen das nötige Wissen und praktische Werkzeuge erhalten, kann Inklusion Schritt für Schritt Teil des Schulalltags werden. Genau dazu wollen wir von Comundo gemeinsam mit unseren lokalen Partnerorganisationen beitragen.
Inklusion als gemeinsame Aufgabe
Sister besucht erst die zweite Klasse. Vor ihr liegen noch viele Schuljahre. Ihre Lehrerin Frau Muluti wünscht sich, dass Sister ihre Ausbildung fortsetzen und später für sich selbst und ihre Familie sorgen kann.
Sisters Geschichte zeigt, was durch das Zusammenspiel von Kindern, Familien, Schulen und lokalen Organisationen möglich wird. Damit weitere Kinder mit Beeinträchtigungen Zugang zu Bildung erhalten und am Schulleben teilhaben können, braucht es engagierte Schulen, gut geschulte Lehrpersonen und langfristige Zusammenarbeit.
Mit Ihrer Spende an Comundo unterstützen Sie unsere Zusammenarbeit mit lokalen Partnerorganisationen wie dem Cheshire Home. Sie tragen dazu bei, dass Lehrpersonen Wissen und praktische Werkzeuge erhalten, um Kinder mit Beeinträchtigungen im Schulalltag zu begleiten und zu fördern. Helfen Sie mit, inklusive Bildung weiterzuentwickeln, damit mehr Kinder lernen, sich entwickeln und ihre eigene Zukunft mitgestalten können.
Von Fabienne Strebel | 2. November 2026 | Namibia
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