«Unser Lebensstil hat weitreichende Folgen»

COMUNDO-Fachperson Julia Schmidt stellt demnächst in Luzern und Bern die Multimediaplattform «Memorias de Tierra» vor. Diese erzählt die Geschichte des Dorfes El Hatillo in Kolumbien, das dem Bergbau zum Opfer fällt. Im Interview sagt die Journalistin, wieso die Plattform besonders für die Betroffenen von Bedeutung ist und wieso auch wir in Europa die Geschichte von El Hatillo hören sollen.

Julia Schmidt bei Interviewaufnahmen

COMUNDO: Wie ist es dazu gekommen, dass du das Multimediaprojekt «Memorias de Tierra» geplant und umgesetzt hast?
Julia Schmidt: Meine Kollegen/-innen von meiner Partnerorganisation Fundación Chasquis begleiten die Gemeinde El Hatillo seit Jahren bei verschiedenen Etappen des Umsiedlungsprozesses und waren auch wiederholt bei Verhandlungen mit den Bergbauunternehmen dabei. Dabei stellten sie immer wieder fest, dass die Erinnerungsarbeit zu kurz kommt. Die Menschen werden nach langwierigen Prozessen schliesslich umgesiedelt und haben im schlimmsten Fall nichts, was sie an ihr altes Dorf erinnert.

In diesem Zusammenhang entstand die Idee, ein Multimedia-Projekt zu entwickeln, das El Hatillo virtuell am Leben erhält und den Bewohner/innen die Möglichkeit gibt, jederzeit "zurückzukehren". «Virtual Reality», die auf 360-Grad-Technik basiert, bietet sich dafür besonders gut an, weil sie es ermöglicht, in dem Dorf "herumzulaufen" und sich dort umzuschauen. Als ich vor anderthalb Jahren meinen Einsatz anfing, wurde mir ziemlich schnell klar, dass die Geschichte dieses kleinen Dorfes auch ausserhalb Kolumbiens, etwa in der Schweiz und in Deutschland, gehört werden sollte.


Mit Virtual-Reality-Brillen können die Bewohner/innen von El Hatillo in ihr Dorf zurückkehren.

Was möchtest du den Menschen in Deutschland und der Schweiz mit der Ausstellung aufzeigen?
Für den Abbau eines Rohstoffs und für den Profit ein paar weniger Unternehmen werden Menschen entwurzelt und müssen ihre Heimat verlassen. Viele Bewohner/innen von El Hatillo haben ihr ganzes Leben dort verbracht, sind Teil einer grösseren Gemeinschaft und kennen nichts anderes. Mir ist es wichtig zu zeigen, wie sich unser Lebensstil in Europa, unser extremer Energiekonsum und das Profitstreben der Unternehmen in unseren Ländern, auf das Leben von Menschen wie etwa in El Hatillo auswirkt. Sie können nichts dafür und haben keinen Anteil am Profit.

Neben verschiedenen US-amerikanischen Firmen baut auch der Schweizer Konzern Glencore mit seiner Tochterfirma Prodeco in El Hatillo Steinkohle ab und ist daher mitverantwortlich für die massiven Folgen dieses Bergbaus. Das sind zum einen die offensichtlichen Folgen – die massive Veränderung der Landschaft: Abraumhalden soweit das Auge reicht, riesige kraterartige Löcher und Zerstörung von Lebensraum für Menschen und Tiere. Zum anderen sind dies auch viel mehr Krankheiten, etwa chronischer Husten, Asthma und gesundheitliche Probleme aufgrund des kontaminierten Wassers in Flüssen.


Mine in El Hatillo

Was die Menschen immer wieder erwähnen und sie zudem sehr belastet: Der soziale Zusammenhalt geht verloren. Insbesondere die älteren Menschen haben immer wieder betont, dass sie früher viel gemeinschaftlicher gelebt haben, es mehr Solidarität gab und man sich gegenseitig unterstützte. All das existiere so nicht mehr, durch den Bergbau gebe es viele neue Probleme, mehr Kriminalität, Prostitution und Drogen, aber auch Neid und Missgunst innerhalb der Dorfgemeinschaft.

Könnte die Konzernverantwortungsinitiative (KOVI) – falls sie angenommen wird – Menschenrechtsverletzungen wie bei der Umsiedlung des Dorfes El Hatillo verhindern? Was denkst du?
Möglicherweise könnte die KOVI das. Zumindest würden verbindliche Regeln für Konzerne sicher dafür sorgen, dass eine solche Umsiedlung für die betroffenen Menschen besser verläuft. Auch das haben wir vor Ort immer wieder gehört: Die Menschen in El Hatillo sind mürbe von diesem langen Prozess. Sie wissen seit fast zehn Jahren, dass sie wegmüssen und keine andere Wahl haben. Anfangs hat die grosse Mehrheit der Bewohner/innen gesagt, dass sie sich der kollektiven Umsiedlung anschliessen und gemeinsam mit ihren Familien und Nachbarn umgesiedelt werden möchten. Da sich der Prozess aber schon so lange dahinzieht, haben einige El Hatillo bereits verlassen, andere sind in der Zwischenzeit verstorben.


Viele Bewohner/innen von El Hatillo haben das Dorf bereits verlassen. 

In gewisser Weise kommt das den Firmen zugute, denn je weniger Menschen sie umsiedeln müssen, desto weniger Arbeit haben sie mit der Umsiedlung. Leidtragende sind letztlich die Menschen, die seit Jahren mit der Ungewissheit leben müssen, wann es endlich so weit ist. Die, die weggegangen sind, haben häufig grosse Probleme, an einem anderen Ort Fuss zu fassen und sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Das haben uns auch viele in den Interviews gesagt: Wenn man schon in diesem grossen Ausmass Rohstoffe abbaut, was ohnehin ein ökologischer Irrsinn ist, dann sollte man es zumindest so machen, dass die Menschen nicht so sehr leiden. Ich denke, die KOVI würde zumindest dafür sorgen, dass alles, was mit dem Rohstoffabbau einhergeht, respekt- und würdevoll abläuft.

Welche Herausforderungen musstest du während der Umsetzung des Projekts angehen?
Die Möglichkeiten der 360-Grad-Aufnahmen sind noch relativ unbekannt. Deshalb brauchte es viel Erklärungsarbeit, um Unterstützer/innen für unser Projekt zu finden. Zudem hatten wir ganz praktische Herausforderungen zu bewältigen, während wir in El Hatillo waren, um zu filmen, zu fotografieren und Interviews zu führen: Es gibt dort keine Unterkünfte oder Hotels. Daher hatten wir uns entschieden zu zelten, um direkt bei den Menschen zu sein und uns auch ihrem Lebensrhythmus anpassen zu können.

Wir sind in zwei Tagen auf dem Landweg von Bogotá nach El Hatillo gereist, um das ganze Produktions-Equipment – Kameras, Stative, Laptops – sowie alles zum Übernachten – Zelte, Isomatten, Kocher – mitnehmen zu können. Wegen der hohen Temperaturen von zum Teil mehr als 35 Grad war die Arbeit vor Ort mitunter sehr anstrengend. Zudem sprechen die Menschen in El Hatillo mit einem für die Region typischen Dialekt. Für mich als Ausländerin war es manchmal schwierig, sie zu verstehen und selbst meinen kolumbianischen Kollegen ging das ab und zu so.

Wir haben so viel Material, dass das Projekt noch nicht abgeschlossen ist und wir in den nächsten Monaten für die Plattform weiterhin Videos produzieren, Texte schreiben und Fotos bearbeiten werden. So füllen wir die Plattform www.memoriasdetierra.com nach und nach mit immer mehr Inhalten. Da wir uns entschieden haben, die Plattform nicht nur in Kolumbien, sondern auch in der deutschsprachigen Schweiz und in Deutschland zu verbreiten, liegt es an mir, alles zu übersetzen, die Videos zu untertiteln und das Projekt in der Schweiz und in Deutschland zu verbreiten.

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