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17.12.2020 | Nicaragua, Ernährung und Einkommen

Mit Nachhaltigkeit das Überleben sichern

Die Folgen des Klimawandels stellen Bauernfamilien in Nicaragua vor grosse Herausforderungen. Mit einer naturnahen Landwirtschaft können sie ihre Ernährung langfristig sichern. Doch müssen die Bauern erst von den Vorteilen der Agroökologie überzeugt werden. Ein Bericht von Comundo-Fachperson Ludovic Schorno.

Das Klima in den Bergen Nicaraguas eignet sich hervorragend für den Kaffeeanbau. So wurde ich bereits bei meiner Ankunft in Matagalpa mit Kaffee willkommen geheissen – produziert von Bauernfamilien, mit denen ich später zusammenarbeiten würde. Während meiner ersten Zeit in Nicaragua konnte ich mir ein Bild von den Realitäten der Landbevölkerung machen, die stark von den Folgen des Klimawandels betroffen ist. Zudem erhielt ich Einblick in die Tätigkeiten meiner Partnerorganisation ADDACC, mit deren Unterstützung Bauernfamilien ihre Lebensbedingungen verbessern.

Auf der Grundlage dieses Wissens konnte ich nun mit meiner eigentlichen Arbeit beginnen. Diese hat zum Ziel, Empfehlungen für die Förderung nachhaltiger Anbaumethoden zu entwickeln, um dadurch die Fruchtbarkeit der Böden zu erhalten. Während man früher nur Mais und Bohnen anpflanzte, soll der Anbau in Zukunft auf neue Produkte ausgeweitet werden.

In einem ersten Schritt besuchte ich Bauernfamilien in den Hügeln um Matagalpa, um ihre Situation und Bedürfnisse besser kennenzulernen. Die Betriebe sind meist nur über holprige Strassen zu erreichen. Oft führten wir auch Gruppendiskussionen durch. Für diese wählten wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer so aus, dass wir ein möglichst ganzheitliches Bild erhielten: Bäuerinnen und Bauern mit unterschiedlich grossen Grundstücken, mehr oder weniger Erfahrung in der Agrarökologie, unterschiedlich starker Überzeugung bezüglich der Umstellung der Landwirtschaft, etc.

Gefahren durch Pestizide

Wie gross die Umweltverschmutzung durch Pestizide ist, wird einem beim Besuch der Bauerngemeinschaften schnell vor Augen geführt. So entstehen nur schon wegen der Verpackungen grosse Probleme. Diese werden oft achtlos auf den Feldern liegen gelassen. Mit den teilweise sintflutartigen Regenfällen gelangt der giftige Abfall in Flüsse und Bäche und von dort weiter in Seen, Meere und Ozeane. Noch schlimmer ist es, wenn die Verpackungen für andere Zwecke wiederverwendet werden. Manche Menschen benutzen sie sogar zum Transport von Trinkwasser. Man kann nur erahnen, welche Gesundheitsrisiken es mit sich bringt, Wasser aus einer Flasche zu trinken, die das giftige Glyphosat enthalten hat.

ADDAC sensibilisiert die Bauerngemeinschaften dafür, die Pestizid-Behälter dreifach zu waschen und mit Löchern zu versehen, um sicherzustellen, dass sie nicht mehr verwendet werden. Darüber hinaus organisieren wir Sammeltage für die Behälter, damit sie nicht in den Gewässern landen. 

Das grosse Geschäft mit Agrochemikalien

Zu denken gibt, dass mit Syngenta auch ein Schweizer Unternehmen das Geschäft mit Agrochemikalien dominiert. Infolge einer unverständlichen Schweizer Gesetzgebung kann Syngenta Pflanzenschutzmittel produzieren und exportieren, die in der Schweiz längst verboten sind. Zum Beispiel Paraquat, das seit 1989 nicht mehr zugelassen ist. In Ländern des Südens wird es trotzdem immer noch verbreitet eingesetzt. Hier in Nicaragua kennt man es unter dem Namen Gramoxone. Angesichts dieser Gesetzeslücken ist es umso wichtiger, dass sich naturnahe Anbaumethoden weiterverbreiten und bei den Bauernfamilien an Akzeptanz gewinnen – wie zum Beispiel bei Juan Pablo Ruíz Urutia, von dem ich nachfolgend erzählen möchte.
 

Ihre Unterstützung zählt!

«Mit einer naturnahen Landwirtschaft können Bauernfamilien ihre Situation aus eigener Kraft verbessern. Danke, dass Sie mithelfen, wertvolles Wissen zu vermitteln.» 
Ludovic Schorno, Comundo-Fachperson

Ja, ich helfe mit

 

Als Juan Pablo Ruíz Urutia vor Jahren sein Grundstück kaufte, handelte es sich dabei um eine übernutzte und schlecht gepflegte Weide. Dem früheren Besitzer fehlte das Wissen über die richtige Grünlandpflege – was bei vielen Bauern und Viehzüchtern leider der Fall ist. Oft entwickelt sich ein Teufelskreis: Die Bauern geben schlecht gepflegtes Land auf, weil es keine Erträge mehr bringt, um an einem neuen Ort mit der gleichen Bewirtschaftung erneut zu beginnen. Dadurch werden wertvolle Waldflächen zerstört.

Bauern suchen neue Wege

Juan Pablo hat früher konventionelle Landwirtschaft betrieben und auf seinem Land routinemässig Chemikalien eingesetzt – bis er eines Tages seine Sicht auf die Landwirtschaft änderte. Er wurde sich mehr und mehr der Gefahr für seine Gesundheit bewusst und machte sich Sorgen um die Umwelt. Also beschlossen er und seine Frau, einen anderen, alternativen Weg einzuschlagen. Er stieg in die Agroökologie ein und übernahm die Praktiken, die er während seiner Zeit bei ADDAC gelernt hatte. Dank seiner Neugier und seinem Interesse, neue Dinge auszuprobieren, nimmt der 62-jährige Landwirt heute eine Vorreiterrolle ein und vermittelt die naturnahen landwirtschaftlichen Techniken an andere Landwirte weiter.

Tiefere Kosten, mehr Ertrag

Der Hof von Juan Pablo dient als Musterbetrieb. So hat der Landwirt sein Land mit verschiedenen Baumarten aufgeforstet, sowohl für die Gewinnung von Obst wie auch von Holz. Heute baut er auf 3,15 ha hauptsächlich Kaffee und Kakao an und auf den restlichen 0,21 ha die Getreidearten Mais, rote Bohnen und Reis. Kaffee und Kakao werden im Schatten der Bäume angebaut. So können die Anbauflächen zweifach für verschiedene Kulturen genutzt werden. Die Pflanzen werden mit Kompost sowie Gülle und Mist gedüngt. So vermeidet Juan Pablo den Einsatz von synthetischen Pflanzenschutzmitteln und kann erst noch seine Kosten senken.

Dank des vielseitigen Anbaus kann die Familie trotz des relativ kleinen Betriebs von den Erzeugnissen leben. Ihre Ernährungssituation ist viel besser, als wenn Juan Pablo weiterhin Viehzucht betreiben oder Milch produzieren würde. Unser Ziel ist es, viele weitere Bäuerinnen und Bauern von der Agroökologie zu überzeugen und entsprechende Praktiken zu verbreiten. So können die Familien und zukünftige Generationen gesunde Lebensmittel produzieren, die Fruchtbarkeit der Böden erhalten und ihre Ernährung langfristig sichern. Es freut mich sehr, mich weitere drei Jahre gemeinsam mit meiner Partnerorganisation dafür einzusetzen.  

 

Von Ludovic Schorno | 17. Dezember 2020 | Nicaragua

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Ludovic Schorno

Agronom

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Ludovic Schorno setzt sich in Nicaragua für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Kleinbauernfamilien ein. Angesichts des Klimawandels fördert er nachhaltige Anbaumethoden und neue Einkommensmöglichkeiten.
 

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