Abseits der grossen Tourismusströme

In den peruanischen Anden müssen viele Menschen ihre Dörfer verlassen, da sie vor Ort keine Arbeit finden. Ein Zusammenschluss indigener Familien will deshalb in ihren Bergdörfern einen nachhaltigen Tourismus aufbauen. Unterstützt werden sie von COMUNDO-Fachperson Marc Fessler.

Von COMUNDO-Botschafter Röbi Koller

Röbi Koller Marc Fessler Inkas Vivientes

Ich sitze in der Küche eines einfachen Steinhauses, hoch oben in den Peruanischen Anden. Das Holzfeuer in der Kochnische wärmt den Raum auf knappe 15 Grad. Draussen werden die Temperaturen in der Nacht gegen den Gefrierpunkt sinken. Ich helfe Demecia beim Vorbereiten des Abendessens: Kartoffeln schälen, Bohnen rüsten, Kräuter mörsern. Arbeitsflächen gibt es keine, alles wird freihändig erledigt, man sitzt auf dem Boden oder auf tiefen Schemeln. Eines der Kinder hockt vor dem Feuer und rührt in der dunklen Ecke in den Pfannen, ein anderes bläst mit einem langen Rohr in die Glut. Ab und zu verirrt sich ein Huhn in die Küche, während ein paar Meerschweinchen zwischen unseren Beinen hindurchwieseln.

Demecia und ihr Mann Agostin Sulca Puma leben mit ihren drei Kindern im Weiler Challwaccocha auf 4500 Metern über Meer. Die Siedlung befindet sich am oberen Ende eines Seitenarms des Urubambatals, dem heiligen Tal der Inkas, durch welches jährlich Millionen Touristen zu den weltberühmten Ruinen des Machu Picchu fahren.

Unten in Ollantaytambo, wo das namenlose Seitental abzweigt, boomt das Geschäft mit den Touristen. Dort gibt es Restaurants, Reisebüros, Souvernirläden und Marktstände. Dort werden die Besucher auf Schritt und Tritt von Strassenhändlern angesprochen. Jeder möchte mitverdienen und seinen Teil des Umsatzes mit der der internationalen Kundschaft machen.

In einer anderen Welt
Kaum aber hat man Ollantaytambo Richtung Nordosten verlassen, wähnt man sich in einer anderen Welt. Man sieht nur noch wenige Autos, eher Motorräder oder Kleinbusse für Einheimische. Hotels gibts schon nach der Ortsausfahrt keine mehr. Fünfhundert Meter nach der Abzweigung ist der asphaltierte Belag zu Ende und man rumpelt auf Naturstrassen. Die Häuser am Wegrand sind aus Holz, im besten Fall sind es Lehmhütten mit Stroh- oder Wellblechdächern. Die Menschen in Huilloc oder Patacancha leben ein karges Leben und müssen bestenfalls mit 150 Peruanischen Soles pro Monat, umgerechnet 50 Franken, auskommen.

Nach einer zweieinhalbstündigen Fahrt waren wir am Vortag hier oben angekommen. Ganz anders als in unseren Alpen, wo es auf Höhen über viertausend Metern bloss Felsen, Schnee und Eis gibt, ist die Landschaft hier lieblich und weit. Flache Wiesen und Hügel prägen das Bild. Ein paar kleine Seen. Auf den Feldern weiden Pferde, Alpakas und Schafe. Da und dort fällt ein geometrisch angelegter Kartoffelacker auf. Die wenigen Höfe der campesinos liegen weit verstreut voneinander entfernt. Jeder ist für sich und hat seinen Nachbarn auf Hundebelldistanz.

Know-how-Entwicklung mit COMUNDO
Ich bin hierhergekommen, um Marc Fessler zu besuchen, der für die Hilfsorganisation Comundo einen dreijährigen Freiwilligeneinsatz als Fachperson leistet. Der 33jährige Umweltingenieur arbeitete im Schweizer Tourismusverband bevor er beschloss, seine Zelte in der Schweiz abzubrechen und etwas ganz anderes zu machen. So kam es, dass er für die Inkas Vivientes, eine Partnerorganisation von Comundo, zu arbeiten begann und nun die Talbewohner in Sachen Internet, Website und Marketing unterstützt.

Marc ist ein ruhiger, besonnener Typ. Er tritt weder als Lehrer noch als Besserwisser auf. Seine Aufgabe ist nicht die eines Sanierers, der den Leuten vorgibt, was zu tun ist. Die personelle Entwicklungszusammenarbeit, so wie er sie sieht und wie sie COMUNDO vorgibt, findet auf Augenhöhe statt. Der Schweizer bietet sein Know-How an und macht Vorschläge, während die Umsetzung in der Verantwortung der Einheimischen liegt.

Schicksal in eigene Hände nehmen
Die Inkas Vivientes sind fünfzig mehrheitlich junge Familien, die vor 8 Jahren beschlossen haben, ihr wirtschaftliches Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Vom grossen Umsatz, den man in Peru mit den Touristen macht, wollen sie einen Teil für sich abzweigen. Ihr Ziel ist es, den fremden Reisenden ihre reiche Kultur näherzubringen, ihnen zu zeigen, wie sie aus Schaf- oder Alpakawolle Stoffe mit kunstvollen Mustern weben oder wie sie aus Heilkräutern Salben herstellen.

Dass das ein schwieriges Unterfangen ist, hat mit dem Wesen der indigenas, der Urbevölkerung dieses Landes zu tun, die so ganz anders ist als die Nachfahren der Spanischen Eroberer. Sie sprechen ihre eigene Sprache, das Quechua, sie tragen ihre eigene Kleidung, tragen auch bei grösster Kälte bloss Sandalen, sind scheu und leben grundsätzlich isoliert. Die jahrhundertelange Unterdrückung durch fremde Herren hat Spuren hinterlassen, die Kommunikation mit Reisenden, die unabdingbar ist, um im Tourismus Erfolg zu haben, fällt ihnen nicht leicht.

Weit weg vom modernen Leben
Tatsächlich ist ein Besuch in diesen Dörfern wie eine Reise in eine andere Welt. Vom modernen Leben des 21. Jahrhunderts spüre ich in diesen Tagen wenig. Die Männer, Frauen und Kinder mit ihren bunten Ponchos, Röcken und Hüten sind stolz auf ihre Traditionen und ihre Identität. Speziell an den Tourismusprogrammen, die die Inkas Vivientes anbieten ist übrigens, dass sich die Familien die Besucher teilen. Man wird als Fremder von Haushalt zu Haushalt weitergereicht, so dass sich der Profit möglichst breit unter der Bevölkerung verteilt.

Meine Lust, mich auf die Inkas Vivientes einzulassen und ein paar Tage in der Region zu verbringen, wird belohnt. Ich übernachte zwar in ungeheizten Zimmern, in denen der Atem vor dem Mund Nebelschwaden bildet. Aber ich erlebe, wie die Inkas nicht nur mir zeigen wollen, wie sie leben, sondern ebenso neugierig Rückfragen stellen und sich mit mir austauschen. Profitieren von einer solchen Begegnung sollen ja beide Seiten. So drehen sich unsere Gespräche schon bald auch um meine Heimat, mein Leben und meinen Beruf, die ich in einer wilden Mischung aus Spanischen Brocken und Handzeichen zu beschreiben versuche.

Meerschweinchen mit Quinoa und Gemüse
Demecia hat für das heutige Nachtessen neben einer Quinoasuppe mit Gemüse ein cuy, eines ihrer Meerschweinchen angeboten, eine weitverbreitete Peruanische Spezialität. Ich werde darauf verzichten, hier die einzelnen Schritte zu beschreiben, die das Tierchen durchmacht - vom wuscheligen kleinen Hausbewohner bis zum Braten auf meinem Teller. Nur so viel: Die Familie behandelt es von Anfang bis zum Ende mit Respekt. Ich erlebe sogar eine kleine Zeremonie, bei welcher das cuy zum Abschied mit Blütenblättern bedeckt wird. Gemeinsam mit den Kindern schauen wir zu und schweigen.

Am nächsten Tag brechen wir am frühen Morgen auf. Mit mir unterwegs sind Marc Fessler sowie der Comundo-Fotograf Marcel Kaufmann und meine Frau Esther. Wir haben beeindruckende Tage hinter uns und erinnern uns an Begegnungen mit freundlichen, herzlichen, offenen und neugierigen, aber auch oft zurückhaltenden, ruhigen Menschen. Sie haben uns an ihrem Alltag teilhaben lassen, der um vieles einfacher ist als unserer. Es bleibt zu hoffen, dass die Inkas Vivientes es schaffen, mit Touristen ihre wirtschaftliche Situation zu verbessern ohne sich dabei mit Haut und Haaren zu verkaufen. Nachhaltiger Tourismus ist das Ziel, das sie sich gesteckt haben. Geld verdienen: ja – aber massvoll und ohne die eigene Identität aufzugeben.

Fit im Umgang mit PCs
In eineinhalb Jahren wird Marc Fessler seine Zelte in Peru abbrechen. Er habe hier einmalige Erfahrungen gemacht, und die Zusammenarbeit mit der Partnerorganisation sei sehr gut, sagt er. Trotzdem macht ihm die dauernde Kälte manchmal zu schaffen, und er freut sich, seine Freunde in der Heimat wiederzusehen. Vorerst gibt es aber noch einiges zu tun. Wenn der COMUNDO-Mitarbeiter in die Schweiz zurückreist, sollen die Inkas Vivientes im Marketing und im Umgang mit Computern so fit sein, dass sie ohne seine Unterstützung weitermachen können.
 

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