Nicaragua: Die Krise geht weiter

Nicaragua ist seit April 2018 im Ausnahmezustand. Was mit Demonstrationen gegen Sozialreformen begann, hat sich ausgeweitet zu breiten Protesten gegen die Regierung und ihren immer autoritäreren Regierungsstil. Doch die Proteste wurden blutig unterdrückt, Demonstrierende als «Terroristen/-innen» eingestuft. COMUNDO bleibt mit den Fachpersonen vor Ort – doch es stellen sich viele Herausforderungen. Ein Gespräch mit der Landesprogrammverantwortlichen Corinne Sala.

Corinne Sala (in piedi) durante l'incontro dei cooperanti in Nicaragua nel 2016

Frau Sala, was ist die aktuelle Situation in Nicaragua?
Diese fünf Monate der Krise haben das Land bereits stark geprägt und auf mehreren Ebenen sichtbare Spuren hinterlassen. Kleine Unternehmen scheitern, Geschäfte schliessen, verlassene Strassen, weit verbreitete Angst, zunehmende Gewalt und vieles mehr. Das Leben in diesem Land, das bis vor wenigen Monaten noch ruhig war, ist nicht mehr dasselbe.
 
Es sind schon viele Opfer zu beklagen…
Wenn wir im Detail auf die Fälle der Menschen eingehen wollen, die getötet, verletzt oder inhaftiert wurden, ist es schwierig, eine eindeutige Antwort zu geben, da die Regierung und Menschenrechtsorganisationen unterschiedliche Zahlen liefern. Einige sprechen von rund hundert Todesfällen, wie im Juni rapportiert wurde, andere jedoch von mehr als vierhundert. Sicher steigt die Zahl der Menschen, die das Land verlassen: Diejenigen, die keinen Interkontinentalflug nehmen können, beschliessen, nach Costa Rica zu ziehen, wo es derzeit bereits Auffanglager gibt und die lokale Bevölkerung beginnt, Anzeichen von Unmut zu äussern. Auch die Zahl der Inhaftierten nimmt zu, insbesondere die jungen Studentenführer/innen der «Bewegung vom 19. April».
 
Unter welcher Anklage?
Im Juli wurde das «Gesetz über die Finanzierung des Terrorismus» geändert: Mittlerweile ist die Definition von «Terrorismus» so weit gefasst, dass sie es erlaubt, dessen Finanzierung auch nur derjenigen vorzuwerfen, die Demonstranten/-innen Getränke und Lebensmittel anbieten. Dies lässt der Justiz viel Spielraum, eine grosse Zahl von Menschen des Terrorismus zu beschuldigen – eine Anklage, die mindestens 15 Jahre Gefängnis kosten könnte.
 
Wie geht es den COMUNDO-Fachpersonen vor Ort?
Es geht ihnen den Umständen entsprechend gut. Viele sind enttäuscht über die Entwicklung der Krise und sind besorgt über das Klima des Misstrauens, in dem sie leben. Ab fünf, sechs Uhr abends ist niemand mehr unterwegs: Alle haben Angst. Es ist ein Leben in Unsicherheit, und es ist wirklich schwierig vorherzusagen, wie sich die Situation entwickeln wird. Als Ausländer/innen befinden sich die Einsatzleistenden von COMUNDO im Vergleich zur nicaraguanischen Bevölkerung in einer noch privilegierten Situation, aber es ist nicht einfach, all diese Unbekannten lange Zeit zu bewältigen.
 
Wie beeinflussen die Unruhen die Projekttätigkeit der Fachpersonen?
Konkret beschloss eine Fachperson, ihr Projekt einige Monate früher zu beenden, und kehrte ins Tessin zurück: Ihre Arbeit an verschiedenen Schulen war so wenig geworden, dass ihre Anwesenheit dort nicht mehr gerechtfertigt werden konnte. Eine andere Einsatzleistende wird die Partnerorganisation wechseln müssen, weil alle internationalen Mittel gekürzt wurden und die Organisation, in der sie tätig war, komplett umstrukturiert wird. Dasselbe gilt für eine Partnerorganisation, die sich durch den Tourismus finanzierte: Sie blieb praktisch ohne Mittel zurück, weil der Markt eingebrochen war. Die anderen Projekte werden, wenn auch nicht in der geplanten Geschwindigkeit, fortgesetzt.
 
Was bedeutet das für die Zukunft von COMUNDO in Nicaragua?
COMUNDO hat beschlossen, wieder Fachpersonen zu rekrutieren, die im nächsten Jahr nach Nicaragua ausreisen werden. Es ist wichtig, weiterhin an der Seite der Bevölkerung zu arbeiten, die von den Auswirkungen der institutionellen, politischen und wirtschaftlichen Krise im Land unmittelbar betroffen ist. Für November ist eine detaillierte Analyse der Situation und die Anpassung unseres Landesprogramms an die aktuelle Situation geplant: Es wird ein Landestreffen von Fachpersonen und Partnerorganisationen mit unserer lokalen Koordination geben. Wir müssen unsere Prioritäten überprüfen und Partnerschaften im Land analysieren. Es geht vorerst um die Planung für 2019 und 2020, in der Hoffnung, so schnell wie möglich auch zur langfristigen Planung zurückkehren zu können.
 
Was tut COMUNDO, um die Fachpersonen bei der Bewältigung der Situation zu unterstützen?
Wir bieten einen individuellen Remote-Coaching-Service durch eine Expertin an, die den nicaraguanischen Kontext sehr gut kennt. Sie kann die Fachpersonen dabei unterstützen, posttraumatischen Stress zu bewältigen und ihre Resilienz zu stärken. Obwohl sie keine direkten Situationen erlebt haben, die als traumatisch angesehen werden können, müssen sich unsere Einsatzleistenden Werkzeuge aneignen, die es ihnen ermöglichen, auch in dieser Situation grosser Unsicherheit ihr psychophysisches Gleichgewicht zu wahren. Aus diesem Grund besteht ein ständiger Kontakt zwischen den Fachpersonen und unserer Koordination vor Ort. Auch ich als Landesprogrammverantwortliche für Nicaragua bin in Kontakt mit ihnen und stehe bei Bedarf zur Verfügung. Zudem sind die Krisenzelle der DEZA, der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit, und das Schweizer Konsulat aktiv.
Für die neuen Fachpersonen, die voraussichtlich im nächsten Jahr ausreisen werden, gibt es eine sorgsame Auswahl und spezifische Vorbereitung auf den aktuellen Kontext – denn es ist nicht einfach, in dieser Krisenzeit in Nicaragua als Ausländer/in zu leben und zu arbeiten. Sie werden von Anfang an vom externen Coach begleitet, die ihnen hilft, sich auf die Herausforderungen und Schwierigkeiten eines Krisenlandes vorzubereiten.
 
Wie sind die institutionellen Beziehungen im Land?
Anfang September erhielt COMUNDO die neue Anerkennung als Schweizer Organisation, die durch die Entsendung von Fachpersonen in Nicaragua arbeiten darf. Mit der Unterzeichnung dieser Vereinbarung verpflichten wir uns, keine politischen Aktivitäten gegen die Regierung zu unternehmen: Die Strafe darauf wäre der sofortige Widerruf der Genehmigung. In einem so heiklen politischen Moment ist es schwierig, sich nicht zu exponieren, aber wir müssen darauf achten, die Voraussetzungen dafür aufrechtzuerhalten, dass wir im Land aktiv bleiben können – an der Seite der Bevölkerung.

Interview: Priscilla De Lima

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