Bedrohte Bevölkerung im peruanischen Regenwald

Flurina Doppler ist im Auftrag von COMUNDO in Peru tätig und setzt sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung und den Schutz der Umwelt ein. Im Interview berichtet die Sozialanthropologin von ihrer Arbeit und den Problemen indigener Gemeinschaften, deren Lebensgrundlagen durch Megaprojekte im Amazonasgebiet bedroht sind. Davon handelt auch der Dokumentarfilm WHEN TWO WORLDS COLLIDE, der am 10. Dezember 2016 an den diesjährigen «FilmTagen Luzern: Menschenrechte» zu sehen ist.

Interview: Simone Bischof, COMUNDO

Flurina Doppler, Sie sind seit über einem Jahr in Peru im Einsatz. Was genau beinhaltet Ihre Arbeit?
Ich bin bei Forum Solidaridad Perú (FSP) tätig, einer kleinen NGO in Lima, die sich mit Bildungs- und Lobbyarbeit für mehr soziale Gerechtigkeit und den Schutz der Umwelt einsetzt. Ein Schwerpunkt meiner Arbeit ist die Organisation des 8. Sozialforums der Amazonasländer (www.forosocialpanamazonico.com), das Ende April 2017 erstmals in Peru stattfindet. Das Forum – ein "regionales Kind" des Weltsozialforums – hat zum Ziel, verschiedene Akteure der Zivilgesellschaft wie z.B. Indigene Bevölkerungsgruppen, Frauenorganisationen, Kirchenvertreterinnen und -vertreter oder Forschungsinstitute, die sich alle für den Erhalt des Lebensraums Amazonas einsetzen, besser miteinander zu vernetzen und ihren Forderungen gegenüber der Regierung und Grossunternehmen mehr Gewicht zu geben.

Im Film «When two Worlds collide» wird dargestellt, wie sich die Konflikte zwischen indigenen Gemeinschaften und der Regierung im Regenwaldgebiet immer mehr zuspitzen, bis es am 5. Juni 2009 nahe der Kleinstadt Bagua zu tödlichen Protesten kommt. Was war der Auslöser für diesen tragischen Zusammenstoss?
Auslöser für die Proteste waren Gesetze, die die Regierung von Alan García verabschiedet hatte, um das Freihandelsabkommen mit den USA unterzeichnen zu können. Die Demonstranten wehrten sich dagegen, dass die Interessen der Öl-, Bergbau- und Holzfirmen über ihre Rechte gestellt werden sollten und sie nicht – wie das in einer von Peru unterschriebenen Konvention festgelegt ist – zu den Gesetzespaketen oder dem Freihandelsabkommen konsultiert worden waren. Die Gesetze hätten den Konzernen den Zugang zu ihren Territorien erleichtert. Zum Zusammenstoss kam es, als die polizeiliche Räumung einer Strassenblockade ausser Kontrolle geriet – 34 Menschen wurden getötet, unter ihnen 24 Polizisten.

In kaum einem anderen Land gibt es so viele Umweltkonflikte wie in Peru. Wieso?
Das peruanische Wirtschaftsmodell beruht auf der Ausbeutung und dem Export der natürlichen Ressourcen und nimmt kaum Rücksicht auf das Ökosystem und die Rechte der indigenen Bevölkerung. Die hohe Abhängigkeit von Rohstoffen führt zu zahlreichen Konflikten, die sich durch die gefallen Rohstoffpreise und die globale Wirtschaftskrise noch verschärfen. Der Staat kriminalisiert Menschen, die sich für ihre Rechte und den Schutz der Umwelt einsetzen, um so den Widerstand gegen den Rohstoffabbau zu stoppen. Während Teile der Bevölkerung – insbesondere in Lima – vom Raubbau an der Natur profitieren, haben die indigenen und bäuerlichen Gemeinschaften in den Gebieten, die unmittelbar von Bergbau, Ölförderung oder andern Megaprojekten betroffenen sind, die negativen Konsequenzen zu tragen. Sie werden krank, weil das Wasser durch den Bergbau mit Schwermetallen verseucht ist oder verlieren durch Lecks in der Ölpipeline ihre Nahrungsgrundlage und ihr Einkommen, weil die Fische sterben und das Land verseucht ist.

Wie hat sich der Zusammenstoss in Bagua ausgewirkt?
Die direkte Folge war, dass das umstrittene Waldgesetz und ein oder zwei andere Gesetze zurückgezogen wurden. Zudem bewirkte der Zusammenstoss, dass die breite peruanische Öffentlichkeit auf die Situation und die Anliegen der indigenen Bevölkerung im Regenwaldgebiet aufmerksam wurde. Dieses neue Bewusstsein gab Auftrieb, das nationale Gesetz zur Vorabkonsultation der indigenen Völker voranzutreiben. Dass das peruanische Parlament dieses 2011 verabschiedete, kann als grosser Fortschritt bezeichnet werden. Und trotzdem: Ein grundsätzliches Umdenken fand nicht statt. Der Staat anerkennt das Recht der Indigenen auf ihr Land und die Ressourcen weiterhin nur sehr mangelhaft. Von einer wirklichen Partizipation der indigenen Bevölkerung an Entscheidungen, die ihre Territorien betreffen, kann bis heute keine Rede sein.  

Wie reagierten die Menschen in Lima auf die Ereignisse in Bagua?
Es kam zu gegensätzlichen Reaktionen. Einerseits fand nach dem Zusammenstoss in Lima eine grosse Demo für die Anliegen der Indigenen statt und viele NGOs wurden aktiv. Andererseits haben Mainstream-Medien die Demonstranten als Wilde dargestellt, die Polizisten brutal ermordet haben sollen. Viele der indigenen Anführer wurden wegen Mord, Aufwiegelei und anderen schweren Delikten angeklagt, obwohl keinerlei Beweise vorlagen. In einem der insgesamt fünf Verfahren hat ein Gericht in Bagua die 52 indigenen Angeklagten kürzlich freigesprochen.

Wie beurteilen Sie diesen Freispruch?
Wer in Peru kein Geld und keine Macht besitzt, wird leider oft zu Unrecht verurteilt – das Rechtssystem ist derart korrupt. Insofern ist in diesem Fall ein kleines Stück Gerechtigkeit geschehen. Ein wirklicher Grund zum Feiern ist das Urteil jedoch nicht. Zwar wurden keine offensichtlich Unschuldigen verurteilt, aber die tatsächlichen Täter sind auch heute – sieben Jahre nach der Tat – weiterhin unbehelligt, sowohl die materiellen Mörder wie auch die politisch Verantwortlichen.

Was gibt Ihnen Hoffnung, dass sich trotz allem etwas bewegt in der peruanischen Gesellschaft?
An vielen Orten engagieren und organisieren sich Menschen und erzielen kleinere und grössere Erfolge. Im Vorfeld der diesjährigen Wahlen sind in verschiedenen Städten Hunderttausende auf die Strasse gegangen, um gegen Korruption und die konservative Präsidentschaftskandidatin Keiko Fujimori zu protestieren. Auch das Amazonas-Sozialforum stösst auf grosses Interesse. Schon im Vorfeld finden in Bolivien, Brasilien, Ecuador, Kolumbien, Venezuela und Peru insgesamt elf regionale bzw. nationale Vorbereitungs-Foren statt. Bei dem, das wir Ende Oktober hier in Peru organisierten, nahmen fast 500 Personen aus dem ganzen Land teil, was unsere Erwartungen bei weitem übertroffen hat. Gerade bezüglich des Amazonasgebiets ist das Bewusstsein gross, dass es dringend eine Kursänderung braucht. Der Erhalt dieses Ökosystems ist nicht nur für die dort lebenden Menschen, Tiere und Pflanzen wichtig, sondern wegen seiner Funktion als CO2-Speicher, Süsswasserreservoir und Hotspot der Biodiversität für die gesamte Menschheit. Im Zentrum der Debatte steht das Entwicklungsmodell bzw. die Frage: Ist das dominante, auf Wachstums- und Konsumlogik beruhende Wirtschaftsmodell noch zukunftsfähig, oder brauchen wir ein grundlegendes Umdenken und ein Modell, dass den Schutz des Lebens über die Gewinnmaximierung stellt?

Was möchten Sie bis zum Ende Ihres Einsatzes noch erreichen?
Bis im April nächsten Jahres werden wir intensiv mit den Vorbereitungen für das Panamazonas-Forum beschäftigt sein. Neben den logistischen Herausforderungen darf das Inhaltliche nicht zu kurz kommen: Wie können wir erreichen, dass sich möglichst viele Akteure zu den vielfältigen und drängenden Themen wie Megaprojekten, Klimawandel, Rechte der Frauen, Ernährungssouveränität und Bildung auf gemeinsame Positionen einigen? Und natürlich müssen die Inhalte und Vorschläge auch an die Öffentlichkeit und an die politischen Entscheidungsträger gelangen. Diese Aufgabe ist komplex und auch wegen der sehr bescheidenen personellen und finanziellen Ressourcen nicht einfach. Zwischendurch erinnere ich mich an den Satz, den COMUNDO uns Ausreisenden mit auf den Weg gegeben hat: «Es hängt nicht von mir ab, aber es kommt auf mich an» – das hilft mir weiter, wenn mir alles als sehr kompliziert erscheint und ich mich frage, wie wir unsere Ziele erreichen können.


Flurina Doppler wird am 10. Dezember 2016 für ein Gespräch im Anschluss an den Film «When two Worlds collide» direkt aus Peru via Skype zugeschaltet. Am Gespräch nehmen neben ihr Tobias Haller, Professor für Sozialanthropologie an der Universität Bern, und Daniel Puntas Bernet, Chefredaktor „Reportagen“ (Moderation), teil.


Programm «FilmTage Luzern: Menschenrechte» 2016

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