Video-Dokus helfen im Kampf gegen Korruption

COMUNDO-Fachperson Nicole Maron unterstützt die lokale Organisation Acovicruz in Bolivien in den Bereichen Kommunikation und Dokumentation. Im Interview mit COMUNDO berichtet die Journalistin aus Zürich, wie es gelingt, breite Teile der Bevölkerung für demokratische Prozesse und Korruptionsbekämpfung zu sensibilisieren.

Nicole Maron bei Filmaufnahmen in der Kleinstadt Yapacaní: Dank des Einsatzes von Video-Dokus können die Menschen in abgelegenen Gemeinden über Korruptionsfälle informiert werden und sich gegenseitig austauschen. © COMUNDO

Nicole, du engagierst dich seit einem guten Jahr bei Acovicruz in Santa Cruz. Wofür setzt sich diese Organisation ein?
Acovicruz ist der Dachverband der «Komitees für Bürgerkontrolle», die sich für mehr politische Mitsprache und gegen Korruption einsetzen. Jede Gemeinde in Bolivien verfügt über ein solches Komitee, das von der örtlichen Zivilbevölkerung gewählt wird. Bolivien besitzt zwar eine fortschrittliche Verfassung, was die Autonomie der Gemeinden und die politischen Mitbestimmungsrechte der Bürger/innen betrifft. Doch es fehlt an Transparenz, und Korruption ist weit verbreitet. Oft missbrauchen Bürgermeister/innen, Gemeinderäte/-innen, Richter/innen oder Polizisten/-innen ihre Macht. Acovicruz setzt sich dafür ein, dass die Zivilbevölkerung ihre demokratischen Rechte kennt und diese auch ausübt.

Kannst du anhand eines Beispiels beschreiben, wie die Komitees für Bürgerkontrolle vorgehen?
In der bolivianischen Kleinstadt Yapacaní erreichte die Schmiergeld-Praxis vor gut zwei Jahren ein unerträgliches Ausmass. Das lokale Komitee griff ein und setzte sich – trotz massiver Bedrohung und gerichtlicher Anklage – in einem monatelangen Kampf für die Absetzung des Kommandanten ein, was schliesslich erreicht werden konnte. Doch der Kommandant wurde nicht suspendiert, sondern nur in eine andere Gemeinde versetzt – nach San Ignacio de Velasco, fast 500 Kilometer nordöstlich von Yapacaní.

Wie ging die Geschichte weiter?
Zum Glück konnte das Bürger-Komitee von San Ignacio de Velasco augenblicklich reagieren, da es über die Vorkommnisse in Yapacaní bereits informiert war, nachdem ich mit Acovicruz eine Video-Doku über den Fall veröffentlicht hatte. Da die persönliche Überlieferung von Neuigkeiten bei der ländlichen Bevölkerung eine grosse Rolle spielt und einige nicht gut lesen und schreiben können, eignet sich das Medium Film hervorragend, um die Menschen zu erreichen. Dank dieses Instruments können sich weit auseinander liegende Gemeinden besser austauschen und von den Erfahrungen der anderen profitieren. Während eine Gemeinde allein machtlos ist gegen das System, können gemeinsam Veränderungen bewirkt werden – das wird an diesem Beispiel deutlich.

Wie kannst du dein Team bei Acovicruz unterstützen?
Da Acovicruz bisher niemanden hatte, der sich intensiv um Kommunikation und Dokumentation kümmern konnte, ist leider nur wenig sichtbar geworden, welch wichtige und gute Arbeit die Organisation leistet. Wie der Fall Yapacaní gezeigt hat, ist dies aber teilweise zentral. Mit dieser Aufgabe habe ich eine Rolle gefunden, mit der ich die Arbeit meiner Kollegen/-innen sowie der Komitees für Bürgerkontrolle unterstützen kann, ohne eine Haltung zu vermitteln, die davon ausgeht, dass Fachkräfte aus dem Norden kommen, um den Menschen im Süden zu erklären, wie sie ihre Arbeit machen sollen. Leider ist diese Ansicht immer noch weit verbreitet. Abgesehen davon, dass dies ziemlich arrogant ist, finde ich es aber auch wenig sinnvoll, da die Bolivianer/innen die Realität in ihrem Land natürlich besser kennen als wir und wissen, wie die Dinge laufen. Man kann die Arbeitsweise der Schweiz nicht einfach eins zu eins in einem anderen Land anwenden. Ausserdem stellt sich die Frage, ob es denn überhaupt besser ist so, wie wir es in der Schweiz machen.

Was kannst du von deinen bolivianischen Arbeitskollegen/-innen lernen?
Sehr viel. Abgesehen davon, dass ich viel über die Funktionsweise und die Herausforderungen der politischen und sozialen Gegebenheiten in Bolivien gelernt habe, bin ich viel sensibler für Themen wie Entwicklung und Extraktivismus geworden. Schliesslich leben wir hier in einer derjenigen Regionen der Welt, die die negativen Auswirkungen der Globalisierung am eigenen Leib erfahren. Abgesehen davon lerne ich täglich dazu, was die Arbeits- und Lebensweise betrifft. Das Klischee, dass in Lateinamerika alles ein bisschen langsamer, unzuverlässiger und weniger effektiv läuft, hat auch seine Kehrseite: weniger von jenem Druck und Stress, der in der Schweiz so viele Menschen krank macht. Hier gibt es keine Burnouts und stressbedingte Magengeschwüre. Was nicht heisst, dass wir nicht auch viel arbeiten – aber es ist alles ein bisschen spontaner und kreativer. Ich habe in der Schweiz noch selten so motivierte und ertragreiche Brainstormings erlebt wie bei Acovicruz am Frühstückstisch.

Was sagen deine Freunde/-innen und Familienmitglieder über dein Engagement in Bolivien?
Oft sprechen mir Leute Respekt dafür aus, dass ich mich für einen sozialen Einsatz entschieden habe und auf vieles verzichte, was in der Schweiz selbstverständlich wäre. Ich sehe das ganz anders. Diese Erfahrung ist für mich kein Opfer oder Verzicht, sondern die beste Gelegenheit, eine Realität kennen zu lernen, die mir hilft, einerseits globale Zusammenhänge besser zu verstehen und anderseits mehr Empathie und Offenheit zu entwickeln. Und ich hoffe, dass ich diese Erfahrungen mit möglichst vielen Menschen in der Schweiz teilen kann.

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